Eleonore Gürge geb. Maaß  *1925        
Erinnerungen Teil 1 - bis 1944
1. Kindheit und Jugend
2. Unsere Hunde
3. Ein Sommerausflug 1932
4. Sommer an der Ostsee
5. Besuch in Berlin
6. Volksschule 1932 bis 1936
7. Oberschule 1936 bis 1944
8. Studium in Greifswald 1944
9. Schanzen am Ostwall 1944
 => Erinnerungen Teil 2 - ab 1945
Ich wurde am 18. Dezember 1925 als Tochter des Kaufmanns Erwin Maaß und seiner Ehefrau Bertha Maaß geb. Alverdes in der Marienstraße 15/16 in Belgard an der Persante geboren. Mein Vater hatte das Geschäftshaus Marienstraße 15/16 von seinem Vater Bernhard Maaß geerbt, der es wahrscheinlich Anfang der neunziger Jahre des 19. Jahrhunderts gekauft und dort eine Kolonialwaren-, Delikatessen- und Weinhandlung eingerichtet hatte. Dieses Haus war bis 1945 das Paradies meiner Kindheit und Jugend. Mit Hof, Pferdeställen, Remise, dem mehrstöckigen Speichergebäude, den Kellern und dem verwinkelten Dachgeschoß bot der Gebäudekomplex für mich und meine Schwester Anneliese zahlreiche Spiel- und Rückzugsmöglichkeiten. Besonders die "Galerie", die im ersten Stock der Hoffront des Wohnhauses entlang führte, und die meine Mutter mit mehreren Kästen Hängegeranien geschmückt hatte, bot mir in der Vorschulzeit im Sommer Platz, aber auch Anregungen zum Spielen. Außer unseren Mietern in einer separaten Zweizimmerwohnung bewohnte meine Großmutter Elsbeth Maaß zunächst noch die große Wohnung im ersten Stock. Sie wurde durch ihren Umzug in eine für sie ausgebaute Zweizimmerwohnung im Dachgeschoß in ihren letzten Lebensjahren bis zu ihrem Tode 1936 für mich zur "Omi oben". Obgleich sie bei uns im Haus wohnte, war meine Beziehung zu ihr nicht so eng wie zu meinen Großeltern Alverdes und Urgroßeltern Fraedrich in der Pankniner Straße, die 1936 nach dem Tod meines Großvaters Alverdes zu uns in die Marienstraße zogen. Oft ging ich als kleines Kind mit meiner Mutter in die Pankniner Straße 10 (Haus von Rektor Zuther) und wurde nach schönen Stunden bei den geliebten Alten von der Großmutter abends nach Hause begleitet. Wie froh war ich, daß ich als größeres Schulkind dann diesen Weg auch spontan allein machen durfte.

Mit meinem Teddybär
Ende der 20er Jahre
In das Haushaltswarengeschäft von Walter Maaß (genannt "Pott-Maaß") in der Heerstraße 15 habe ich sowohl meine Mutter als auch meine Großeltern Alverdes begleitet. Der Weg dorthin ermöglichte mir natürlich auch einen Blick in das große Schaufenster im Nebenhaus, wo Sattlermeister Karl Neitzel ein lebensgroßes, ausgestopftes Pferd stehen hatte, das ich als Kind jedes Mal erneut bewunderte. Das Geschäft von "Pott-Maaß" hatte einen geräumigen vorderen Teil, in dem Haushaltsartikel, Porzellan und Glaswaren angeboten wurden und verengte sich nach hinten, wo die Spielwaren ausgestellt waren. Ich bin mir recht sicher, daß nahezu alle Spielsachen, die für mich und später für meine Schwester Anneliese gekauft worden sind, aus diesem Geschäft stammten, mit dessen Besitzer vor allem meine Großeltern Maaß gut bekannt waren. So ist auch mein großer Teddybär, den ich mehr liebte als meine Puppen, dort gekauft worden. Bei einem der Einkäufe mit meiner Mutter vielleicht Anfang der dreißiger Jahre bewunderte ich in diesem hinteren Teil des Ladens lange eine große Celluloid-Puppe, was meine Mutter wohl bemerkte und mir diese Puppe dann zum bevorstehenden Weihnachtsfest bescherte. Allerdings hatte ich nicht viel Freude an ihr, da sie sich aufgrund ihrer Größe von vielleicht 80 cm nicht so recht zum Spielen eignete. Nachdem sie auf den Namen Rosemarie getauft, mit Säuglingswäsche eingekleidet und in mein größtes Puppenbett gezwängt worden war, habe ich mich kaum mehr mit ihr beschäftigt. Da war mir doch meine alte Puppe Erika mit ihren Schlafaugen, dem langen Echthaar und ihrer Mama-Stimme viel lieber. Auch meine allererste Puppe, den kleinen Puppenjungen Hänschen, dem meine Großmutter Maaß grüne Hosen und ein grünes Jäckchen gestrickt hatte, habe ich noch lange in Ehren gehalten. Aber das Spielen mit den Puppen war für mich bald vorüber, denn ich lernte schnell lesen und damit begann ein Leben mit Büchern, sodaß für mich Puppen schon sehr bald kaum mehr eine Rolle spielten. Als mich einmal meine Großeltern Alverdes in das Geschäft von Walter Maaß mitnahmen, gingen wir später auch in den hinteren Teil zu den Spielwaren, wo mein Großvater Hans u.a. die Puppenwagen sehr genau auf ihre Fahrtüchtigkeit untersuchte. Ob die Großeltern damals ein Geschenk für mich suchten, erinnere ich heute nicht mehr. Das Fahrrad, daß ich dann zu meinem achten Geburtstag von ihnen bekam, kann jedoch nicht dort gekauft worden sein, da Walter Maaß nur Haushaltswaren und Spielzeug führte. Es stammte vielleicht aus dem Fahrradgeschäft in der Mauerstraße neben dem Hohen Tor unweit unseres Hauses, wo ich später noch öfter Ersatzteile wie etwa Ventilgummis, Reifen oder ein neues Netz für das Hinterrad kaufte; bei der Montage halfen mir manchmal Angestellte aus unserem Geschäft. Dieses Jugendrad mit Ballonbereifung bekam Ende der dreißiger Jahre noch einen Dynamo und elektrisches Licht und wurde von mir bis Ende des Krieges gefahren. Als mein Vater und unsere Angestellten bereits bei Kriegsbeginn zur Wehrmacht eingezogen wurden, habe ich mein Fahrrad dort auch zur Reparatur gegeben.

Mit meiner Schwester
Anneliese (etwa 1934)
Als ich im zweiten Schuljahr war, wurde 1933 meine Schwester Anneliese geboren. Doch wußte ich vorher nicht, daß ein Geschwisterchen erwartet wurde. So ging ich nach einem Besuch bei meinen Großeltern in der Pankniner Straße abends an der Hand meiner Großmutter nach Hause. Omi erzählte mir unterwegs, daß ich jetzt eine kleine Schwester habe und daß ich recht artig sein müsse, weil meine Mutter krank sei. Das kleine Wesen, das in einem Körbchen neben dem Bett meiner Mutter lag, machte mir auf den ersten Blick noch keinen Eindruck. Mein eigenes Leben blieb davon zunächst weitgehend unberührt, mein Alltag mit Schule und Spielen ging weiter wie bisher. Erst nach ein paar Monate wurde mir bewußt, wieviel Aufmerksamkeit meiner kleinen Schwester geschenkt wurde, und ich fühlte mich dadurch sehr zurückgesetzt. Die Eifersucht erwachte, und ich wäre gern wieder ein Kleinkind wie sie gewesen. So versuchte ich zum Beispiel, mir einen Teil des abendlichen Grießbreis der Kleinen durch Bitten, aber auch durch Trotzen zu erkämpfen. Unsere damalige Hausgehilfin Olga, die schon jahrelang bei meiner Großmutter Maaß gearbeitet hatte, war ganz vernarrt in die kleine Anneliese. Sie bügelte oft bis in die Nacht, nur um am Tage Zeit zu haben, mit dem Kind spazierenzufahren. Dies geschah sehr zum Ärger meiner Mutter, der das Kind dadurch sehr entzogen wurde. Vielleicht 1935 gab Olga ihre Stelle bei uns auf und heiratete einen Witwer mit mehreren Kindern. Er wohnte "Am Gänsehals", einer Nebenstraße der Pankniner Straße, in einer neuen Stadtrandsiedlung. Vor ihrer Hochzeit nahm sie mich einige Male in das Häuschen ihres zukünftigen Mannes mit, hier sah ich zum ersten Mal derartige Siedlungshäuser mit großem Garten und Kleintierstall, die es, wenn auch in völlig anderer Bauweise, als Reihenhaussiedlung (1928-1929) von Architekt und Stadtplaner Prof. Dr. Ing. Hans Bernhard Reichow an der Polziner Straße gab. Der Altersunterschied zwischen uns Schwestern war mit acht Jahren zu groß, als daß wir wirkliche Spielgefährten werden konnten. Ich beachtete sie zunächst wenig, und für sie zählte ich zu den "Großen", wie sie mir später erzählte. Aber abends, wenn wir in unserem gemeinsamen Zimmer in den Betten lagen, und ich die für den Deutschunterricht zu lernenden Texte laut memorierte, hörte sie aufmerksam zu und sprach manchmal mit, denn als Kind lernte sie schnell. Es handelte sich meist um Balladen wie "Schwäbische Kunde" von Ludwig Uhland, "Der getreue Eckardt", "Der Zauberlehrling" und "Das Hufeisen" von Johann Wolfgang von Goethe, oder "Herr von Ribbeck" von Theodor Fontane. So konnte sie den Besuchern meiner Mutter zu deren Amüsement lange Gedichte vortragen und wurde dafür mit Beifall überschüttet. Die Verblüffung war noch größer, als sie den gesamten Inhalt des Liebesfilms "Ein hoffnungsloser Fall" mit Jenny Jugo, Hannes Stelzer und Karl Ludwig Diehl in den Hauptrollen erzählte, in den ich sie eines Sonntags (vielleicht im Jahre 1939 oder 1940) mitgenommen hatte, als im "Capitol", dem Kino in der Hindenburgstraße, die Kindervorstellung ausfiel und wir deshalb um die Ecke in die Friedrichstraße in das zweite Belgarder Kino, die "Schauburg", gingen, wo in der Nachmittagsvorstellung der zuvor genannte Film lief - und man mich mit der Kleinen zu meiner heutigen Verwunderung problemlos einließ.

An unserer Haustür
Das Kino war für mich damals von immenser Bedeutung. Die Inhaberin der beiden Belgarder Lichtspielhäuser - des großen Capitols in der Hindenburgstraße und der erheblich kleineren Schauburg in der Friedrichstraße - war Frau Minna Pätzold, deren Fleiß, Geschäftstüchtigkeit und Erfolg auch mein Vater oft erwähnte. Im Laufe der Jahre erwarb sie neben dem zuerst gebauten Capitol weitere Grundstücke, so daß ihr schließlich der gesamte Block an der Ecke Friedrichstraße / Hindenburgstraße bis zur Burgstraße gehörte und sie nun das zweite Kino, die Schauburg, einrichten konnte. Das Capitol war für unsere kleine Stadt ein sehr großzügig angelegtes, repräsentatives Haus. Neben dem Eingang hingen mehrere große Glaskästen mit Vorankündigungen und Photographien aus den jeweils laufenden Filmen; in dem geräumigen Foyer befand sich ein Kassenhäuschen, an dem man Eintrittskarten und den "Filmkurier", ein illustriertes Beiheft zu dem gerade gezeigten Film, erwerben konnte, sowie eine Verkaufstheke für Süßwaren. Im großen Kinosaal waren hinter den Parkettsitzen mehrere Logen, oben auf dem Rang befanden sich weitere Logen und nach hinten ansteigende Sitzreihen. Nach meiner Erinnerung war der Raum und die Bestuhlung im Stil der Zeit in dunkelrotem Plüsch gehalten. Da ich das Kino fast niemals zu einer Abendvorstellung, sondern immer nur am Nachmittag besuchte, war ich mir seiner Bedeutung für unsere Stadt zunächst nicht bewußt. Ich weiß aber aus Erzählungen etwa von meiner Tante Tudi, daß die Abendvorstellungen im Capitol von einem gewissen Flair umgeben waren und sich für die Erwachsenen zu einem beliebten Treffpunkt entwickelt hatten (an das Innere der Schauburg kann ich mich dagegen kaum noch erinnern, sie hatte wohl einen erheblich einfacher ausgestatteten Zuschauerraum ohne Rang und Logen). Da mit Beginn des Krieges das öffentliche Unterhaltungsangebot nicht nur in Belgard stark eingeschränkt wurde, bildeten auch bei uns die Lichtspielhäuser neben den Cafés die wenigen Möglichkeiten zur Zerstreuung und Ablenkung vom grauen Kriegsalltag und erfreuten sich damit eines noch größeren Zuspruches als zuvor. Und auch aufgrund des Umstandes, daß sich die Zahl der Soldaten in unserer Garnison seit Mitte der dreißiger Jahre stark erhöht hatte, waren die beiden Kinos insbesondere am Wochenende ständig ausverkauft. Bis mein Vater 1939 zur Wehrmacht eingezogen wurde, gingen meine Eltern regelmäßig am Samstagabend ins Kino, meistens ins Capitol. Sie saßen dort stets im Parkett am Ende der zehnten Reihe, so daß mein Vater seine Beine bequem ausstrecken konnte. Zu meinem Leidwesen bekam ich nicht so oft, wie ich es mir wünschte, die Erlaubnis zu einem Kinobesuch, und oft wollte meine Mutter den Film zunächst selbst sehen um zu überprüfen, ob er für mich auch geeignet sei. Als meine Schwester 1933 auf den Namen Anneliese getauft war, schickte mich meine Mutter mit unserer Hausangestellten Olga in den Film "Des jungen Dessauers große Liebe" (denn diese große Liebe hieß Anneliese). An diesen ersten Kinobesuch mit sieben Jahren habe ich jedoch keine Erinnerung mehr. Erst darauf folgten für mich Märchen- und Pat und Patachon-Filme. Ab Ende der dreißiger Jahre bevorzugte ich Liebesfilme und schwärmte für die Hauptdarsteller, deren Photos ich aus der Zeitschrift "Filmwelt", die ich regelmäßig für 30 Pfennige von meinem Taschengeld kaufte, ausgeschnitten und an der Wand gegenüber von meinem Bett befestigt hatte. Meine Lieblingsschauspieler waren damals Brigitte Horney und Zarah Leander, René Deltgen, Victor de Kowa und Willi Birgel, besonders beeindruckt haben mich zu dieser Zeit "Das Herz der Königin", "Es war eine rauschende Ballnacht", "Wen die Götter lieben", "Die schwedische Nachtigall", "Anna Farvetti", "Das Mädchen von Farnö", "Befreite Hände", "Verklungene Melodie" oder "Seine Tochter ist der Peter". Der letzte Film, den ich noch im Februar 1945 in der Schauburg sah, war der UFA-Farbfilm "Frau meiner Träume" mit Marika Rökk und Wolfgang Lukschy. Nach dem Einmarsch der Russen in Belgard Anfang März fand ich Reste der Vorführkopie in der Friedrichstraße vor dem geplünderten Kino, auf einem der Filmstreifen konnte ich Marika Rökk erkennen.

Verklungene Melodie (1938)
Verklungene Melodie (1938)
Brigitte Horney, Willi Birgel
Meine frühesten Erinnerungen an Radio und Rundfunk könnten vielleicht aus dem Jahre 1930 stammen (ich ging damals noch nicht zur Schule). Wie unser erstes Radiogerät aussah, weiß ich heute jedoch nicht mehr, es stand bei uns im Wohnzimmer und ich durfte es auch noch nicht selbst bedienen. Meine Mutter stellte mir aber öfter eine Kindersendung ein, in der Tante Elfie mit Kindern Liedern sang und Anregungen zum Basteln oder Spielen gab. Ich mochte diese Sendung sehr gerne und äußerte einmal während eines Besuches bei Onkel Karl Alverdes in der Bahnhofstraße meine Befürchtung, daß wir zu spät nach Hause kommen und ich dann die Kinderstunde mit Tante Elfie verpassen würde. Wie erstaunt war ich aber, als mir meine Mutter erklärte, daß ich die geliebte Sendung auch bei Onkel Karl hören könnte - obwohl sein Radio doch ganz anders aussah. Einige Jahre später (vielleicht 1937) kaufte mein Vater einen neuen Radioapparat der Marke Blaupunkt - mit einem großen Lautsprecher auf der linken, einer beleuchteten Skala auf der rechten Seite und einem "magischen Auge" in der Mitte, mit dem man die Sender viel genauer abstimmen konnte und das mich als Kind besonders faszinierte. Er ließ sich von unserem Schreiner (der unweit unseres Hauses auf der linken Seite der Heerstraße - kurz hinter Bäcker Sellnow in Nr. 22 - seine Werkstatt hatte) ein Wandbrett für das nun doch erheblich größere Gerät anfertigen und über seinem Schreibtisch im Herrenzimmer anbringen. Dort habe ich dann mit diesem schon recht modernen Apparat häufig nachmittags Musiksendungen gehört (vor allem Schlager und Operetten). Mein Vater hob im Kontor unseres Geschäftes auch noch einen alten Detektorempfänger seines handwerklich äußerst geschickten Bruders Heinz Maaß aus den zwanziger Jahren auf, der dieses Gerät in der Anfangszeit des Rundfunks selbst gebaut hatte. Ich konnte mir als Kind nicht vorstellen, daß diese nur aus wenigen Bauteilen und einem einfachen Kopfhörer bestehende Konstruktion ein Vorgänger unseres großen Radios im Herrenzimmer war und habe diesen einfachen Empfänger auch leider niemals in Betrieb gesehen. Im Kriege wurden wir durch die Schule dazu angehalten, regelmäßig Nachrichtensendungen im Funk zu hören - mehrmals pro Woche sprach dann unsere Klassenlehrerin Fräulein Büttner zu Beginn des Unterrichts mit uns über aktuelle Ereignisse und die Lage an der Front. Und auch mein Urgroßvater Karl Fraedrich, der seit 1936 in unserem Haushalt lebte, hatte einen Volksempfänger in seinem Zimmer, aus dem er sein Wissen über Politik und Wirtschaft bezog (an Musik jeder Art hatte er jedoch kein Interesse). Da er bereits seit langem das Augenlicht verloren hatte, war es für ihn sehr schön, daß es den Rundfunk gab, und so verbrachte er nach dem Tode seiner Frau Mathilde viel Zeit an seinem Radiogerät. Bis lange in den Krieg hinein verfolgte er jeden Tag äußerst interessiert Sendungen mit Berichten und Kommentaren zum Tagesgeschehen, um deren Willen er häufig zu spät zum gemeinsamen Mittagessen kam. So hörte er eigentlich nur Wortbeiträge, vorwiegend politischer Art, und war dabei auf den Chef-Kommentator des nationalsozialistischen Rundfunks, Hans Fritzsche, immer besonders wütend. Oft schimpfte mein Urgroßvater heftig über dessen Polemik und die Lügen, welche dieser in seinen Sendungen verbreitete. Und manchmal ließ er seinen Zorn auch noch beim Mittagessen heraus, wenn man ihn gerade einmal wieder von Fritzsches Gerede im Großdeutschen Rundfunk zum Essen geholt hatte. Da die Woche über auch Angestellte aus dem Geschäft bei uns am Mittagstisch saßen, mahnte meine Mutter ihn dann stets ängstlich: "Sei still, Großvater!" Meine Mutter hörte ebenfalls kaum Radiomusik, aber während des Krieges, als mein Vater eingezogen war, natürlich die Wehrmachtsberichte oder auch das allseits beliebte "Wunschkonzert". Sehr vergnüglich waren für sie die humoristischen Sendungen von Gisela Schlüter; wobei sie die "Schnattertante" besonders wegen ihrer "Schnellsprecharien" bewunderte. Danach bekam ich oft mit, wie sie sich mit ihrer Freundin Ilse Schwedersky amüsiert darüber unterhielt. Ich selbst hörte im Radio vorwiegend Musik, aber auch ganz gerne von den alten Schellack-Platten meiner Eltern, die ich auf einem Koffergrammophon aus ihren ersten Ehejahren abspielte, dessen Federwerk noch mit einer Kurbel aufgezogen werden mußte. Dabei spielte ich vor allem die Wiener Walzer "Rosen aus dem Süden" und "Geschichten aus dem Wienerwald" sowie Platten mit Märschen. Zudem hatte mein Onkel Karl Alverdes mir Schallplatten aus dem Radiogeschäft Krause in der Friedrichstraße 74 mitgebracht, wo er in der zweiten Hälfte der dreißiger Jahren als Buchhalter beschäftigt war. Ich erinnere mich hier vor allem an "When The Saints Go Marching In" mit "La Mer" auf der Rückseite, was mir beides jedoch überhaupt nicht zusagte; weiterhin an eine Platte der aus Südamerika stammenden Sängerin Rosita Serrano (genannt "Chilenische Nachtigall") mit Liedern wie etwa "Roter Mohn", die damals in Deutschland recht bekannt waren und auch mir gut gefielen. Viele aktuelle Schlager und Arien aus Operetten, die wir im Radio hörten - während des Krieges vor allem in der damals äußerst populären Sendung "Wunschkonzert" - konnte ich bald selber nachsingen und brachte sie so auch unserer Hausangestellten Ilse Kruggel beim gemeinsamen mittäglichen Abwasch zu Gehör. Zu ihrer Erheiterung sang ich dann in der Rolle von Wilhelm Strienz, Karl Schmitt-Walter oder Peter Anders beliebte Schlager wie zum Beispiel "Heimat deine Sterne", "Dunkelrote Rosen" und "Gern hab' ich die Frauen geküßt". Und natürlich trug auch das Kino zur Erweiterung meines Schlagerschatzes bei, etwa wenn ich versuchte, Marika Rökk, Ilse Werner oder Zarah Leander zu imitieren - aber ich sang auch mit Begeisterung Lieder, die wir in der Schule während der Chorstunden bei Herrn Rogausch gelernt hatten (etwa "Kein schöner Land", "Die Gedanken sind frei" oder "Dat du min Leevsten büst"). Hier konnte ich mich vor der nur wenige Jahre älteren Ilse gesanglich richtig ausleben, während meine musikalisch anspruchsvolle Mutter zwei Zimmer weiter ihren Mittagsschlaf hielt und davon nichts mitbekam. Meine Liebe zur Oper erwachte erst nach dem Kriege, als wir nach der Vertreibung aus Pommern in Halle an der Saale eine Wohnung zugewiesen bekommen hatten.

Badestelle am Gildborn
bei Viverow/Krs. Köslin
Seit Mitte der dreißiger Jahre verbrachte ich mit den Urgroßeltern Fraedrich und Großmutter Elfriede Alverdes regelmäßig vier Sommerwochen in der ländlichen Idylle von Viverow im Kreis Köslin, wo meine Großmutter aufgewachsen und mein Urgroßvater Karl Fraedrich Lehrer gewesen war. Ab und zu war auch meine kleine Schwester Anneliese dabei und einmal auch mein Vetter Horst Fraedrich aus Berlin, der Sohn meines Onkels Walter Fraedrich. Die Ferienaufenthalte in der auch mir mittlerweile vertrauten Umgebung sind für mich die Höhepunkte dieser Jahre gewesen. Das Haus der mit meinen Urgroßeltern befreundeten Familie Joeres stand und steht noch heute an der Stelle, an der vormals das Gutsverwalterhaus des Vaters von Mathilde Fraedrich, also meines Ur-Urgroßvaters Hermann Friedrich Bogislav Lawin, stand. Ein schmaler verwilderter Park, der jenseits des Baches lag, der an der Hofreite vorbeifloß, zeugte auch in den dreißiger Jahren noch von dieser Zeit. Bei Joeres wurden wir für zehn Reichsmark pro Tag in deren großem Schlafzimmer untergebracht, in dem mindestens drei Betten standen, vielleicht aber auch vier. Die Familie Joeres schlief in dieser Zeit in Bodenkammern. Karl Fraedrich kaufte vor der Reise reichlich in unserem Geschäft ein, um Familie Joeres etwas mitzubringen. Die Frauen bekamen Kaffee, Kakao, Schokolade, Toilettenseife und Herr Joeres, dem er besonders zugetan war, erhielt Zigarren und Cognac. Das letztere wurde Herrn Joeres am Sonntag oder am späten Abend heimlich angeboten, denn die Frau des Hauses war sowohl gegen das Rauchen als auch gegen das Trinken eingestellt. Herr Joeres wurde dazu unauffällig in das Schlafzimmer gebeten, wo mein Urgroßvater den großen Koffer mit den "Schätzen" unter dem Bett hervorzog. Unser Gepäck war auch aus diesem Grunde oftmals so schwer, daß wir für das Umsteigen in Köslin - von der Reichsbahn in die Kleinbahn Richtung Pollnow - einen Kofferträger brauchten. Einmal wurde uns dafür ein Lehrling aus dem Geschäft mitgegeben und ein andermal fuhr Ilse Kruggel, unsere letzte Hausangestellte, mit nach Köslin, um die schweren Koffer vom Bahnhof zum etwas entfernt liegenden Kleinbahnhof zu schleppen; zum Belgarder Bahnhof wurden die Koffer und Taschen mit dem Geschäftsfahrrad oder einem Handwagen transportiert (in der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre fuhr uns ab und zu auch mein Onkel Karl Alverdes mit seinem Auto, einem DKW Meisterklasse, über Köslin nach Viverow in die Sommerfrische, einmal holte er uns von dort auch wieder ab). Mein Urgroßvater hielt sich für einen guten Landwirte und gab dem bedauernswerten Herrn Joeres oft Ratschläge für den bäuerlichen Betrieb, was meine Großmutter Elfriede, seine Tochter, jedes Mal - jedoch immer ohne Erfolg - zu verhindern versuchte. Wir gingen dort viel spazieren, wobei der blinde Mann uns die Umgebung genau beschrieb. Und tatsächlich: in Viverow hatte sich in den 30 Jahren, die seit seinem Wegzug vergangen waren, kaum etwas verändert. Auch der Galgenberg war noch da - nicht weit von Joeres´ Gehöft hinter der Gänsewiese gelegen - der mir stets unheimlich gewesen war und in dessen Nähe ich mich nie getraut hatte. Ob die Geschichten von früheren Hinrichtungen an diesem Ort einen wahren Kern hatten, blieb auch in Urgroßvaters Erzählungen stets unklar. Schließlich war ich im Sommer 1943 ein letztes Mal in Viverow, als mich mein Urgroßvater ein halbes Jahr vor seinem Tode bat, mit ihm noch einmal in den Ort zu fahren, wo er so viele Jahre seines Lebens verbracht hatte und um den all seine Erinnerungen kreisten.

Mit meinem Vetter
Horst Fraedrich
Mein Onkel Walter Fraedrich, Bruder meiner Großmutter Elfriede Alverdes - er war viel jünger als Friedchen, etwa 1885 geboren - war ebenso wie mein Vater im Ersten Weltkrieg Soldat gewesen. Da er (in Halle / Saale) studiert hatte, wurde er als Fähnrich eingezogen und brachte es wohl zum Leutnant oder Oberleutnant. Später lebte er mit seiner Frau Edith geb. Buntrock und Sohn Horst (1921-2004) als Rechtsanwalt in Berlin, hatte Wohnung und Kanzlei in der Stresemannstraße 14 (der späteren Saarlandstraße, Nähe Anhalterbahnhof). Als Scheidungsanwalt war er auch an Scheidungen Prominenter, so zum Beispiel des Pianisten Michael Raucheisen von der Sängerin Maria Ivogun, beteiligt. Die Erzählungen meiner Mutter von Besuchen bei ihm in Berlin brachten eine Ahnung von der großen, weiten Welt, von mondänem Leben zu uns in die Kleinstadt Belgard. Sein Sohn Horst kam in den dreißiger Jahren mehrmals zu seinen Großeltern Fraedrich (er war der Enkel meines Urgroßvaters) und seiner Tante Elfriede Alverdes nach Belgard zu Besuch; er spielte in den dreißiger Jahren für mich eine große Rolle. Manchmal konnten wir meinen Urgroßvater nach langem Bitten dazu bewegen, daß er uns eine "Vorstellung" mit Beispielen aus dem Turnunterricht während seiner Zeit als Lehrer an der Dorfschule in Viverow gab. Er stand dazu aus seinem Ohrensessel auf und erteilte die verschiedenen Kommandos für die Freiübungen der Schüler, die er uns dann auch vormachte. Den Höhepunkt bildete das Kommando "Kopf rückwärts beugt!", wobei er beim Sprechen den Kopf soweit rückwärts neigte, daß aus dem Wort beugt ein langgezogenes beu-eu-eu-eugt wurde. Horst und ich starben dabei fast vor Lachen. Als ich vielleicht acht oder neun Jahre alt war und mein Vetter wieder einmal seine Großeltern in Belgard besuchte, nahm uns mein Vater zu einer Fahrt auf dem Pferdewagen nach Rostin mit. Wir fuhren jedoch nicht über die Brücke bei Kamissow, sondern auf der Körliner Chaussee bis zum Abzweig eines kleinen Sandweges, der zu einer Furt durch die Persante führte. Als Horst sah, daß wir hier ohne anzuhalten auf den Fluß zufuhren, sprang er voller Angst vom Wagen. Da hielt mein Vater am Ufer an, versetzte ihm eine Ohrfeige, zerrte ihn wieder auf das Fahrzeug und tadelte ihn für sein unvernünftiges Verhalten. Danach durchquerten wir sicher den Fluß und erreichten bald darauf Rostin. Bei der Rückkehr nach Belgard erzählte Horst meiner Mutter sehr bedrückt von dem "gefährlichen" Erlebnis. Dieser Vorfall tat meinem Selbstbewußtsein sehr gut, denn ich selbst fuhr ja bereits seit Jahren bei meinem Vater auf dem Wagen mit und hatte deshalb in dieser Situation überhaupt keine Angst gehabt, so daß ich mich wenigstens einmal meinem großen, "allwissenden" Vetter aus Berlin überlegen fühlen konnte. Mitte der dreißiger Jahre lud mein Urgroßvater Horst zu einem Urlaub in Viverow im Kreis Köslin ein, wo sein Vater Walter die Kindheit verbracht hatte, mein Urgroßvater viele Jahre Lehrer gewesen war und auch Großmutter Elfriede und ich ihn in den Ferien oftmals in die ländliche Idylle zu der mit meinen Urgroßeltern befreundeten Familie Joeres begleitet hatten. Während der Vorgespräche am Telefon stellte sich heraus, daß Horst sich als Städter das Leben in dem kleinen Dorf und die einfache bäuerliche Unterkunft überhaupt nicht vorstellen konnte, denn er erkundigte sich nach angemessener Kleidung und erwähnte dabei lange weiße Hosen, die er sonst immer für den Urlaub mit seinen Eltern im mondänen Ostseebad Swinemünde mitnahm. In Viverow entsprach dann zunächst auch nichts seinen Erwartungen, dennoch wurde der Aufenthalt in dem kleinen Dörfchen für ihn nicht etwa zu einer Enttäuschung, sondern zu einem außergewöhnlichen Erlebnis, denn er durfte an allem teilnehmen: der Fahrt auf dem pferdebespannten Milchwagen zur Molkerei im Nachbardorf Seydel, dem Garbenaufstellen während der Roggenernte, dem abendlichen Zurückholen der Kühe von der Weide und den vielen Waldspaziergängen mit seinen Großeltern und Tante Friedchen. Viverow hatte ihm solchen Eindruck gemacht, daß er noch seinen Kindern davon erzählte. Das letzte Mal sah ich ihn 1944 auf dem Bahnhof in Belgard, als er dort (vielleicht als angehender Militärarzt) einen kurzen Aufenthalt auf dem Weg zur baltischen Front hatte. Mit dem Zusammenbruch 1945 riß auch der Kontakt zu ihm ab, und meine Mutter konnte nach dem Kriege lediglich in Erfahrung bringen, daß er mit seiner Familie im Rheinland gelandet sein sollte. So habe ich meinen Vetter Horst Fraedrich leider niemals wiedergesehen, denn erst nach seinem Tode im Herbst 2004 erfuhr ich, wo es ihn nach Kriegsende aus Berlin hin verschlagen hatte.*

Mit Cousine Hella, Schwester
Anneliese & Vetter Horst Fraedrich
Ich mochte wohl neun oder zehn Jahre alt gewesen sein, als ich in der Kölnischen Illustrierten, die mein Großvater Johannes Alverdes hielt, vom Kölner Karneval las und dadurch die Anregung zu verschiedenen Streichen bekam. So kaufte ich in der Drogerie Troike in der Marienstraße schräg gegenüber kleine Stinkbomben, von denen ich eine in die unserem Geschäft angeschlossenen Bierstuben warf. Zum Glück waren zu diesem Zeitpunkt nur wenige Gäste anwesend, jedoch mußten die stinkenden Reste umgehend beseitigt und die Räume anschließend wohl auch stundenlang gelüftet werden. Mein Vater war entsetzt, und ich bekam äußerst strenge Ermahnungen zu hören. Zum Jahreswechsels 1936/37 beging ich einen ähnlich dummen Streich zu Sylvester: Meine Eltern waren nach Stettin ins Theater oder zu einer Sylvesterfeier gefahren, so daß wir - meine kleine Schwester Anneliese, Großmutter Elfriede Alverdes und die Urgroßeltern Fraedrich - den Sylvesterabend ohne sie verbrachten. Meine Omi Frieda schickte mich zu Café Pagel, um das bestellte Dutzend Berliner Pfannkuchen abzuholen. Beflügelt durch die Ideen aus der Kölnischen Illustrierten, füllte ich statt einen einzelnen Pfannkuchen mit Senf gleich alle zwölf Berliner mit Erde aus den Blumenkästen auf der Galerie hinter unserem Haus. Als wir sie dann gegen Abend verzehren wollten, dabei plötzlich auf Blumenerde kauten und die Erwachsenen dann auch noch feststellen mußten, daß ausnahmslos alle Pfannkuchen verdorben waren, war die Empörung groß. Was meine Eltern dann bei ihrer Rückkehr am Neujahrstag über das ungeratene Kind zu hören bekamen, mochte wohl auch ihnen die Laune verdorben haben. Ab und zu besuchten meine Eltern auch den mitternächtlichen Sylvestergottesdienst in der Marienkirche, meistens blieben sie jedoch am letzten Tag des Jahres zu Hause. Dann gab es bei uns in der Regel Karpfen, danach Punsch (für mich Apfelsaft), Berliner Pfannkuchen und Reste vom Weihnachtsgebäck. Das Wohnzimmer war mit Papierschlangen geschmückt, wobei ich beim Dekorieren des Raumes gerne half. Sofern neben meiner Großmutter Elfriede und meinem Urgroßvater Karl kein Besuch eingeladen war, beschäftigten sich die Eltern mit mir, d.h. wir spielten Karten- oder Brettspiele und in der letzten Stunde des Jahres gossen wir Blei. Das Bleigießen war immer sehr amüsant, besonders wenn aus einem der gerade aus dem Wasser gefischten Stücke die verschiedensten Bedeutungen herausgelesen wurden. Kurz vor Mitternacht öffneten meine Eltern die Fenster zur Marienstraße, mein Vater schenkte den Erwachsenen Sekt ein, wir standen mit den Gläsern an den geöffneten Fenstern und erwarteten das Sylvestergeläut der Marienkirche. Wenn dann um Mitternacht die Glocken zu läuten begannen, umarmten und küßten wir uns und wünschten uns Glück und Gesundheit für das neue Jahr. Dann beobachteten wir das Geschehen auf der Heerstraße und an der Marktecke, wo sich bereits zahlreiche Menschen versammelt hatten. Einmal ging ich auch auf den Marktplatz, um das Abbrennen der Knallfrösche, Kanonenschläge und anderer Feuerwerkskörper aus der Nähe zu erleben, jedoch hatte ich von der Knallerei bald genug. An einem Sylvesterabend brachte mein Vater große weiße Papierbögen aus der Packstube unseres Geschäftes in die Wohnung herauf. Mit Hilfe einer starken Lampe warf er die Schatten der Anwesenden auf das Papier und zeichnete ihr Profil mit einem Kohlestift nach. Auch meine kleine Schwester Anneliese durfte an diesem Abend länger aufbleiben, ihren Schattenriß mit der großen Haarschleife sehe ich noch heute vor mir. Von den Spiegelkarpfen, die bei uns zu Sylvester als "Karpfen blau" oder "Karpfen in Biersoße" auf den Tisch kamen, wurden einige Schuppen aufgehoben und ins Portemonnaie gelegt; sie sollten im kommenden Jahr für einen vollen Geldbeutel sorgen. Ob meine Eltern dies nur uns Kindern erzählten oder die Schuppen tatsächlich ein ganzes Jahr lang bei sich trugen, kann ich heute nicht mehr sagen. Ob meine Eltern dies nur uns Kindern erzählten oder die Schuppen tatsächlich ein ganzes Jahr lang bei sich trugen, kann ich heute nicht mehr sagen. In der Zeit zwischen Heiligabend und Neujahr ("zwischen den Jahren") wurden auch bei uns nach alter Sitte umfangreichere Arbeiten wie ein größerer Hausputz oder insbesondere die große Wäsche tunlichst unterlassen, da vor allem letztere - obwohl meine Mutter eigentlich nicht abergläubisch war - für das neue Jahr Unglück bringen sollte.

In Pommern gab es zu Fastnacht keine Karnevalskampagne, außer einigen Maskenbällen und Kostümfesten in Falks Gesellschaftshaus (Hindenburg-straße) und bei Karow (Veranstaltungssaal in der Wilhelmstraße) fanden nur geschlossene Gesellschaften in den Räumen von Hotel Wolter und Hotel Remus am Markt statt. Wir Kinder zogen am Fastnachtsdienstag mit einem angespitzten Stöckchen zu den Nachbarn bzw. Nachbargeschäften und sagten einen Vers auf, worauf wir etwas auf unseren Stock gesteckt bekamen, zum Beispiel ein Brötchen, eine Schnecke, eine Scheibe Wurst, einen eingewickelten Bonbon:

Ich bin ein kleiner König,
gebt mir nicht zu wenig,
laßt mich nicht zu lange stehen,
ich muß noch ein Häuschen weitergehen

oder

Hippel die Pippel, die Wurst hat zwei Zippel,
zwei Zippel hat die Wurst, der Bauer hat Durst,
Durst hat der Bauer, das Leben wird ihm sauer,
sauer wird ihm das Leben, der Weinstock hat zwei Reben,
zwei Reben hat der Weinstock, der Bauer ist ein Dusselkopp


Dabei ging ich nur ein einziges Mal mit, da mir dies Art von "Bettelei" unangenehm war und Schüler der Oberschule an derartigen Heischegängen in der Regel auch nicht teilnahmen.

Im Mükepark 1942
In einer Bodenkammer hatte meine Mutter in zwei großen, aus Weide geflochtenen Reisekörben, die noch von meinen Großeltern stammten, Kleidung aus den zwanziger Jahren aufbewahrt, darunter auch Kostüme für Maskenbälle. Ich erinnere mich an ein reizendes weißes Pierrot-Kostüm mit schwarzen Pompons, an eine schwarze Kappe mit angenähten Fühlern, die von einem Schmetterlingskostüm stammte und an ein mit Münzen besetztes Kleid einer Zigeunerin aus rot-gelber Seide, das auch ich einmal auf einer als Kostümfest angelegten Geburtstagsfeier meiner Klassenkameradin Cordula Uckeley trug; von meinem Vater fand sich dort noch ein Holländerkostüm. Als Kind wühlte ich manchmal in den alten Reisekörben und erkundigte mich bei meiner Mutter nach den Gelegenheiten, bei denen die Eltern diese Kostüme getragen hatten, und wir beide lachten über die komischen Episoden und Erlebnisse, von denen sie dann erzählte (zum Beispiel auf Veranstaltungen in Falks Gesellschaftshaus in der Hindenburgstraße, die sie in den ersten Jahren ihrer Ehe häufig besuchten). So war etwa meinem Vater das Holländerkostüm nur eine störende Last, da ihn die Holzschuhe in seiner Bewegungsfreiheit stark einschränkten und er damit nicht nur beim Tanzen zum Zuschauen verurteilte war. Diese Erzählungen vermittelten mir einen weiteren Eindruck vom Leben meiner Eltern als junge Eheleute in unserer kleinen Stadt. Andere Kleidungsstücke aus den Reisekörben fanden jedoch überhaupt nicht mein Gefallen und ich war entsetzt, als meine Mutter im Kriege, als die Zuteilungen auf die Kleiderkarten immer spärlicher wurden, zwei ihrer ehemaligen Sommerkleider für mich zurechtmachte. Ärmellos und mit der typischen langen Taille der zwanziger Jahre waren sie für uns Mädchen, für die der damaligen Mode entsprechend nur enge Taillen und sogenannte Keulenärmel in Frage kamen, völlig inakzeptabel. Meine sonst so großzügige Mutter zeigte in dieser Hinsicht kein Verständnis für meine Vorstellungen und lehnte selbst vorsichtige Änderungsvorschläge ab. Als alle meine Einwände nichts fruchteten und ich eines dieser Kleider morgens zur Schule anziehen sollte, nahm ich kurz vor dem Verlassen des Hauses im Bad heimlich einen Kleiderwechsel vor, wobei ich das verhaßte Kleidungsstück im Bademantel meines Vaters versteckte. Danach konnte ich in der Regel unbeobachtet den Schulweg antreten, aber bei der Heimkehr ergaben sich manchmal Schwierigkeiten, da ich meiner Mutter nicht bereits vor dem erneuten Umziehen begegnen durfte. Meistens gelang mir dies jedoch problemlos. Vor dem Krieg dagegen suchte ich aus den Reisekörben in der Bodenkammer manchmal etwas zum Verkleiden oder zum Theaterspielen für mich und meine Schwester Anneliese heraus. So spielten wir einmal an einem Sonntag bei uns im Hof das Märchen "Rotkäppchen". Der Eingang zur ehemaligen Remise bildete die Bühne, wobei uns die Tür den Vorhang ersetzte. Davor saßen auf Stühlen die übrigen Familienmitglieder (meine Eltern, Großmutter Elfriede Alverdes und Urgroßvater Karl Fraedrich), und da damals auch noch mein Vater unter den Zuschauern war, muß es wohl vor August 1939 gewesen sein, daß heißt bevor mein Vater zur Wehrmacht eingezogen wurde. Anneliese spielte das Rotkäppchen und die Großmutter, ich selbst die Mutter und den Jäger. Ich führte auch den großen Teddybären, der die Rolle des Wolfes übernehmen mußte, ebenso lag die Gestaltung des "Bühnenbildes" und die gesamte übrige "Inszenierung" in meinen Händen (bis zur Aufstellung eines elektrischen Kaffeerösters direkt bei uns im Geschäft hatte in der ehemaligen Remise der alte gasbetriebene Röster seinen Platz, so daß wir für unsere Aufführung auf dessen steinernen Sockel nun das Bett der Großmutter einrichten konnten). Die ganze Familie lachte und klatschte, und wir beide waren mächtig stolz auf unseren Erfolg, so daß etwas später am gleichen Ort die Aufführung eines weiteren Märchens stattfand. Ein anderes Mal versuchten wir nach einem Zirkusbesuch, bei dem ich eine orientalisch angehauchte Vorführung mit Elefanten, Löwen und Artisten gesehen hatte, ein derartiges Szenario bei uns in der Wohnung im halb ausgeräumten Herrenzimmer nachzustellen. Die Hauptrolle hatte dabei meine kleine Schwester, die als verschleierte Prinzessin aus Tausendundeiner Nacht in einem großen Puppenwagen saß. Unser äußerst gutmütiger Hund "Drill", ein stämmiger deutscher Boxer, der abwechselnd den gefährlichen Löwen und den wagenschiebenden Elefanten verkörpern sollte, ließ sich zwar von uns Kindern viel gefallen, verweigerte diesmal jedoch trotz meines Rufens und Drängens ab einem gewissen Punkt die Mitarbeit und ließ sich schließlich in einer Ecke stoisch auf den Teppich fallen, so daß unsere Bemühungen hier leider zu keinem befriedigenden Ergebnis wie bei der Märchenvorstellung im Hof führten. Für unsere Verkleidung hatte ich wieder aus dem Fundus der alten Kostüme geschöpft, die meine Mutter neben weiteren Kleidern aus den zwanziger Jahren in einer Bodenkammer aufbewahrte.

Am Sandhaufen im Garten
der Großeltern Alverdes
Die alten Osterbräuche hielten sich auf den Dörfern erheblich länger als bei uns in der Stadt, und auch das sogenannte Osterwasser wurde in Belgard zu meiner Zeit bereits nicht mehr geholt. So erzählte etwa mein Urgroßvater Karl Fraedrich, der viele Jahre als Dorfschullehrer auf dem Lande gelebt hatte, vom traditionellen Osterwasserholen: Am frühen Morgen des Ostersonntags gingen die Mädchen des Dorfes noch vor Sonnenaufgang zum Dorfbrunnen oder zu den naheliegenden Quellen und holten in einem Krug das Osterwasser, dem man besondere Heilkraft für allerlei Leiden und Gebrechen zusprach. Dabei mußten Hin- und Rückweg schweigend zurückgelegt werden, d.h. ohne jegliches Sprechen oder Lachen. Währenddessen versuchten die Burschen des Ortes, die Mädchen abzulenken und zum Reden zu verleiten. Wenn ihnen dies gelang, hatte das Wasser seine Kraft verloren und wurde zu "Schlabberwasser". Dagegen war das Osterstiepen ein Brauch, den ich in meiner Kindheit noch selbst erlebt habe: Mit einer Rute aus Birkenzweigen gingen wir Kinder am Ostermorgen ans Bett der Eltern und schlugen zu dem Spruch "Stiep, stiep, Osterei / gibst Du mir kein Osterei / stiep ich Dir das Bett (oder das Hemd) entzwei!" energisch auf die Bettdecke, sodaß sich die Erwachsenen nur durch die Herausgabe von österlichen Süßigkeiten vor weiteren Hieben bewahren konnten. Manchmal ging ich auch um die Ecke zu meiner Tante Ilse Schwedersky in die Torstraße 13 oder zu Familie Schönwaldt, die Mieter bei uns im Haus waren. Nach dem Stiepen hatte meine Mutter bereits einen Teller mit einem Apfel auf ihrem Nachttisch vorbereitet, den sie dann zerteilte und die Stücke mit Wünschen für Gesundheit im neuen Jahr an die Familie verteilte; manchmal wurde die Verteilung des Apfels auch erst am Frühstückstisch vorgenommen. Den Tisch schmückte meine Mutter am Ostersonntag immer besonders aufwendig und phantasievoll, wozu auch ich manchmal etwas Selbstgebasteltes beisteuerte. Am Vormittag folgte dann das Ostereiersuchen, das bei uns in der Wohnung und auf dem Hof stattfand, in manchen Familien aber auch im Garten oder während des Osterspaziergangs. Mein schönstes Ostergeschenk jedoch - ich mochte damals vielleicht fünf oder sechs Jahre alt gewesen sein - war ein kleiner lebender Hase: Während eines Besuches von Onkel Heinz, dem Bruder meines Vaters, machten meine Eltern gemeinsam mit ihm am Ostersonnabend nach Geschäftsschluß einen Spaziergang an der Leitznitz (nach Aussage meines Vaters war der Ostersonnabend - und nicht etwa der 24. Dezember - der anstrengendste Tag im Laden und brachte auch den höchsten Umsatz im ganzen Jahr). Unweit der Schloßmühle beobachteten sie in der Dämmerung eine Katze, die einem jungen Hasen nachjagte und ihn bereits gepackt hatte. Den beiden Männern gelang es, das Häschen zu befreien und mit nach Hause zu bringen. Als ich am Ostersonntag erwachte, war Onkel Heinz schon dabei, für das verängstigte Tier, das man zunächst in einen Karton gesetzt hatte, einen kleinen Stall aus Holz zu bauen. Auf diese Weise kam ich zu einem echten Osterhasen. Die erste Zeit lebte er in seinem Stall auf unserer Galerie an der Hofseite, bis meine Mutter ihn schließlich in den Pferdestall umquartierte. Dort konnte die Tür zu seinem Hasenstall offenbleiben und das Tier im Stroh des Pferdestalls umherhüpfen. Es sah sehr possierlich aus, wenn er ganz still dasaß und sich von dem großen Pferd beschnuppern ließ. Da das Häschen nun ebenso wie das Pferd von Herr Rettig, unserem Hofarbeiter, versorgt wurde, d.h. ich selbst keine Verantwortung tragen und mir keine Sorgen um das Tier machen mußte, verlor ich nach einiger Zeit das Interesse an ihm. Wenig später kam es dann zu dem traurigen aber wohl unvermeidbaren Ende, als das Häschen von einem Huf des Pferdes tödlich getroffen wurde. Mir erzählte man erst später von dem Unfall, denn ich hatte den kleinen Hasen, über den ich mich zunächst so gefreut hatte, noch gar nicht vermißt. Im Kriege sah ich dann manchmal einen zahmen Storch, der bei einem Ackerbürger in der Torstraße Unterschlupf gefunden hatte, über unser Viertel fliegen. Einmal besuchte er auch unser Haus, wobei er aus Richtung Mauerstraße über den Hof flog und dann auf dem Dach der Galerie landete. Neugierig wie ich war holte ich flugs einen Leckerbissen aus der Küche und lief über die Galerie und die Treppe hoch in den Oberstock, wo ich ein Fenster direkt zum Dach der Galerie öffnete. Dort stand der Storch wenige Meter von mir entfernt auf dem Vordach, jedoch gelang es mir leider nicht, ihn noch etwas näher anzulocken. Dabei hatte ich schon einen Fuß auf das Dach der Galerie gesetzt, als mir plötzlich die Warnung meiner Mutter einfiel, daß man dort leicht einbrechen könne. Nachdem ich den Storch so eine Weile beobachtet hatte, flog er über die Dächer davon, und ich sah ihm noch lange und doch etwas enttäuscht nach. Später erfuhr ich dann, daß er in Belgard Otti genannt wurde.

Zu Pfingsten wurden in Belgard die Türen der Häuser mit jungen Birkenzweigen geschmückt, und auch das eiserne Gitter am Eingang zu unserem Geschäft war jedes Jahr wieder mit frischem Grün dekoriert. Bei schönem Wetter machten viele Familien einen Pfingstspaziergang, eine Wanderung oder einen Ausflug in die Umgebung. Den Höhepunkt des Pfingsfestes bildete das Schützenfest, das am Pfingstmontag und Pfingstdienstag im Stadtholz stattfand und bereits durch den feierlichen Ausmarsch der Schützengesellschaft zum Schützenhaus die ganze Stadt mit einbezog. Es hatte den Charakter eines Volksfestes, da für vielseitige Unterhaltung für Groß und Klein gesorgt war und zahlreiche Belgarder es sich nicht nehmen ließen, ausgiebig mitzufeiern.

Auf dem Belgarder Rummelplatz, der etwas außerhalb an der Kreuzung von Kleiststraße, Wilhelmstraße und Polziner Straße lag, bauten zur Freude von uns Kindern mehrmals im Jahr Schausteller ihre Fahrgeschäfte und Buden auf. Dann gab es dort ein Karussell mit Schwänen, Pferden und Kutschen, aber auch ein klassisches Kettenkarussell, Wurf- und Schießbuden, Glücksräder, Losbuden, Stände mit gebrannten Mandeln oder anderen Süßwaren und vieles mehr zu sehen (an derartige Veranstaltungen im Kriege kann ich mich aber nicht mehr erinnern). Ich besuchte den Rummel vor allem während meiner Grundschulzeit, jedoch niemals allein, sondern immer in Begleitung unserer Hausangestellten, wobei ich überwiegend Karussell fuhr und Lose zog. Nachdem das von meiner Mutter spendierte Geld ausgegeben war, kehrte ich voller neuer Eindrücke nach Haus zurück. Besonders glücklich war ich dann, wenn ich ab und zu eine Kleinigkeit - etwa eine Papierblume - gewonnen hatte. Natürlich hoffte ich wie alle Kinder jedes Jahr erneut auf einen größeren Gewinn wie einen Ball oder eine Puppe. Doch ich brachte nur einmal eine Flasche Obstwein mit nach Hause, die meine Mutter recht abschätzig betrachtete, und in einem anderen Jahr zwei kleine Kakteen, die ihr Dasein ungeliebt und dennoch ziemlich lange auf dem Fensterbrett unseres Eßzimmers fristeten. Auf diesem Gelände "An der Binning" hatte eines Tages auch ein kleiner Zirkus sein Zelt aufgebaut - wir besuchten jedoch nur größere Zirkusse wie etwa Zirkus Krone, die ihre Zelte am Ortsrand auf einem großen Platz an der Polziner Straße aufschlugen. Dann zogen oft einige Clowns und Artisten mit einem Elefanten und einer kleinen Musikkapelle durch unsere Stadt, um das Ereignis gebührend anzukündigen, wobei sie ihren Weg meist von der Friedrichstraße über den Markt und die Heerstraße nahmen und so schließlich durch die Marienstraße und an unserem Haus vorbeikamen, wo auch wir in den Fenstern lagen und ihnen nachschauten, bis sie in Richtung Hohes Tor verschwanden, um dann durch die Wilhelmstraße stadtauswärts zur Polziner Straße zurückzukehren. Vor allem mein Vater besuchte gern den Zirkus und nahm mich des öfteren dorthin mit. Einmal gingen wir schon am Vormittag gemeinsam zum Zirkus Krone, weil mein Vater dort wegen einer Lebensmittellieferung etwas besprechen mußte. Dabei nahm er mich auch zum Wohnwagen von Therese Renz mit, der "weißen Dame", einer berühmten, damals aber nicht mehr aktiven Kunstreiterin aus einer alten Berliner Artistenfamilie. Auch meine Urgroßmutter Mathilde Fraedrich ließ es sich nicht nehmen, für uns Kinder auf das Großzügigste ihr Portemonnaie zu öffnen. Bei einem Zirkusbesuch, zu dem auch meine Freundin Annemarie Krüger mitgekommen war, kaufte sie uns neben den Eintrittskarten zur Tierschau noch Würstchen, Eis und Süßigkeiten bis sie keinen Heller mehr übrig hatte. Obwohl er uns Kinder sehr gern hatte, tobte mein Urgroßvater Karl Fraedrich dann mit ihr, sowie er es auch tat, wenn sie, wie oftmals geschehen, etwas verlegt hatte und es nicht mehr wiederfand.

Mein Vater auf Urlaub
(Winter 1940/41)
Weihnachten ist für mich immer mit ganz besonderen Erinnerungen verbunden gewesen. Für meinen Vater und die Angestellten in unserem Geschäft war der 24. Dezember eines jeden Jahres jedoch zunächst ein äußerst anstrengender Arbeitstag. Nach dem Ladenschluß wohl gegen sieben Uhr abends fanden wir uns alle (Familie und Angestellte) im Eßzimmer unserer Wohnung zusammen. Es gab meistens ein einfaches Essen, häufig Kartoffelsalat mit Würstchen, denn unsere Hausgehilfin und meine Mutter hatten an diesem Tag keine Zeit für aufwendige Vorbereitungen in der Küche. Eine halbe Stunde nach dem Essen, wenn die Angestellten, die bei uns im Hause unter dem Dach ihre Zimmer hatten, nach dem Frischmachen und Ablegen der Arbeitskleidung wieder im Eßzimmer erschienen, fand die von meiner Mutter nebenan im Herrenzimmer vorbereitete Bescherung statt. Meine Schwester Anneliese und ich sagten Gedichte auf und wir alle sangen gemeinsam Weihnachtslieder oder auch ältere Weisen wie etwa "Du lieber, heilger frommer Christ" von Ernst Moritz Arndt, wobei wir von meiner Mutter am Klavier begleitet wurden. Dann führte mein Vater zunächst die Angestellten und anschließend uns Kinder zu den Geschenken, und nur noch die Kerzen des Weihnachtsbaumes beleuchteten die mehr oder weniger erfreuten Gesichter der Beschenkten. Der Lehrling und die übrigen Angestellten (bei uns "junge Leute" genannt) erhielten zum Beispiel ein Oberhemd mit Krawatte, einen bunten Teller mit Gebäck und Marzipan und einen Geldschein. Mehrmals glaubte mein Vater, den angehenden Kaufleuten gegen den Rat meiner Mutter Gustav Freytags Roman "Soll und Haben" (die Geschichte einer schlesischen Kaufmannsfamilie im 19. Jahrhundert) schenken zu müssen. Danach übergaben auch die Erwachsenen (meine Eltern, Großmutter Elfriede Alverdes und Urgroßeltern Fraedrich, die seit 1936 bei uns im Hause wohnten) mit guten Wünschen einander die Geschenke. Mein Urgroßvater Karl Fraedrich verschenkte stets Bargeld, wobei ich die Geldscheine vorher in seinem Zimmer auf seine Anweisung in kleine Umschläge gelegt und diese entsprechend beschriftet hatte. Auf ein Zeichen von ihm mußte ich außer den Familienangehörigen auch unsere Hausangestellte mit einem solchen Briefchen bedenken, sie (zunächst Grete, später Ilse) hatte dem blinden alten Herren doch oft geholfen. Wir Kinder wurden stets reich beschenkt und ich denke, daß wir immer sehr zufrieden waren. Nach einer Weile verabschiedeten sich die Angestellten, etwa um noch zu ihren Angehörigen auf die Dörfer zu fahren oder sich mit Freunden und Bekannten in der Stadt zu treffen, und ich verbrachte den Abend mit der Familie. Meine Mutter spielte dann vielleicht noch einmal die alten Weisen auf unserem Klavier, ich beschäftigte mich mit meinen Geschenken und naschte vom bunten Teller (wobei ich die Marzipankartoffeln bevorzugte). Meine kleine Schwester war trotz energischen Protestes schon früher zu Bett gebracht worden. Den Weihnachtsbaum hatte meine Mutter stets mit weißen Kerzen, Lametta und manchmal auch zusätzlich mit silbernen Kugeln geschmückt, denn sie mochte bunte Dekorationen nicht. Weil ich als Kind jedoch für buntgeschmückte Tannenbäume schwärmte, so wie ich es bei anderen Familien gesehen hatte, dekorierte sie den Baum zu meiner Freude auch einmal mit Christbaumschmuck der Urgroßeltern Fraedrich, den diese beim Umzug aus der Pankniner Straße mitgebracht hatten. Darunter befanden sich winzige, schwebende Engelchen in duftigen Gewändern, aus Golddraht geflochtene Krippen mit dem Jesuskind, goldene Sterne verschiedenster Art, schneebedeckte Tannenbäumchen und weitere ähnlich filigrane Stücke. Diese mochten damals wohl schon mehr als 50 Jahre alt gewesen sein und noch aus den ersten Ehejahren meiner Urgroßeltern in Viverow stammen. Meine Großmutter Elsbeth Maaß bevorzugte dagegen eine ganz andere Art von Baumschmuck. Hier erinnere ich mich vor allem an weiße, gläserne Eiszapfen, die bereits bei kleinsten Luftbewegungen leise zu klingeln begannen. In der ersten Hälfte der dreißiger Jahre, das heißt vor dem Umzug meiner Großmutter Alverdes und meiner Urgroßeltern Fraedrich zu uns ins Haus, fanden die Weihnachtsfeiern in den größeren Zimmern zur Marienstraße hin statt. Dort saßen wir beim Weihnachtsessen noch nicht so dicht gedrängt, denn hier war alles viel geräumiger, so daß bei der Bescherung im Herrenzimmer auch die Angestellten einen Sitzplatz fanden und der Weihnachtsbaum erheblich größer ausfallen konnte. Im Kriege übernahmen wir dann die schöne Sitte, am Heiligabend für die Soldaten im Felde Kerzen in die Fenster zur Marienstraße zu stellen, denn auch mein Vater mußte Weihnachten in der Regel bei seiner Einheit verbringen.

Auch an meine Geburtstage kann ich mich noch recht gut erinnern: Morgens vor der Schule führte mich meine Mutter in unser Eßzimmer, wo auf ihrem Nähtisch die Geschenke aufgebaut waren. Bereits während meiner Grundschulzeit nahmen dort neben Spielzeug vor allem Kinderbücher den meisten Platz ein, Süßigkeiten schenkten mir meine Eltern schon aus Prinzip nicht. In Hinblick auf das Mittagessen durfte ich an diesem Tage ebenfalls meine Wünsche äußern, die aber nicht immer in Erfüllung gingen - etwa als ich mir einmal einen Liter Rouladensoße gewünscht hatte. Am frühen Nachmittag kamen dann meine Geburtstagsgäste, in der ersten Hälfte der dreißiger Jahre vor allem Anna-Maria Krüger und Magdalena Nest aus meiner Klasse in der Mädchenvolksschule und die beiden Schwestern Grete und Hertha aus den Häusern in der Mauerstraße gegenüber unserer Toreinfahrt. Einmal war wohl auch Renate Ruthenberg dabei, die mit ihren Eltern einige Zeit bei uns im Haus wohnte. Da ich in der Woche vor Weihnachten Geburtstag hatte, konnten wir aufgrund des in Pommern doch recht strengen Winters nicht nach draußen auf den Hof oder an die Schaukel gehen. So saßen wir meistens in unserem Wohnzimmer am Tisch und beschäftigten uns mit Würfelspielen wie etwa "Mensch ärgere Dich nicht" oder "Fang den Hut", oft waren es auch Ratespiele unter Mitwirkung meiner Mutter, welche zuvor kleine Preise für die Gewinner vorbereitet hatte, oder wir spielten, wenn man lange genug auf den Stühlen gesessen hatte, in unserer Wohnung und den Nebenräumen Verstecken. Zwischendurch brachte unsere Hausangestellte Kuchen und Kakao, und am späteren Nachmittag gab es Pudding. Meine Großeltern Alverdes und meine Patentanten Trude Priebe und Ilse Schwedersky ließen sich an diesem Tage natürlich auch bei uns sehen und überraschten zunächst mich mit Geschenken, um sich dann mit meiner Mutter zu einem Plausch in unser Herrenzimmer zurückzuziehen. Ab Mitte der dreißiger Jahre gehörten neben Annemarie Krüger und Magdalene Nest noch weitere Klassenkameradinnen aus der Oberschule wie etwa Christel Ristow, Ellinor Gneist und Marie-Luise Beilfuß zu meinen Geburtstagsgästen. Dabei hielten sich die Feiern in einem eher bescheidenen Rahmen, so wie es meine Mutter damals für richtig hielt und es durch die zahlreichen Beschränkungen zumindest in den letzten Kriegsjahren auch nicht anders möglich gewesen wäre. Dennoch sollte die Feier zu meinem 18. Geburtstag im Dezember 1943 dann einen etwas festlicheren Charakter annehmen (an der mein Vater leider nicht teilnehmen konnte, da er erst im neuen Jahr Heimaturlaub bekam).

Zur Einsegnung
am 10. März 1940
Meine Einsegnung erfolgte im Jahre 1940 durch Superintendent Zitzke, der mit uns durch meine Tante Ilse Griep geb. Maaß weitläufig verwandt war (in der evangelischen Kirche Pommerns wurde statt "Konfirmation" der Begriff "Einsegnung" verwendet). Zuvor hatten wir bei Herrn Zitzke ein Jahr Konfirmandenunterricht, der meistens im evangelischen Gemeindehaus in der Luisenstraße, manchmal jedoch auch in unserer schönen Marienkirche am Markt stattfand. Bedingt durch seine zahlreichen Aufgaben war der Superintendent oft verhindert, so daß er durch Diakon Romotzky vertreten werden mußte. Dabei erschöpfte sich der Unterricht im Vorlesen aus dem Neuen Testament, wobei die Texte oftmals von meiner Mitschülerin und damaligen Freundin Christel Ristow oder von mir vorgelesen wurden - und natürlich hieß es auch Kirchenlieder und Psalme lernen und sich auf die Prüfung vor der Einsegnung vorzubereiten. Ich selbst fand durch diesen Unterricht keinen wirklichen Zugang zum Glauben und hoffte in meiner kindlichen Einfalt stattdessen auf eine Erleuchtung während des ersten Abendmahls am Tage der Konfirmation. Am Prüfungssonntag war mein Vater gerade auf Heimaturlaub, und ich erinnere mich noch an meine Ängste, als durch einen Kunden aus der Nachbarschaft, den wir an der Tür zu unserem Geschäft trafen und der meinen Vater bat, ihm noch eine dringend benötigte Kleinigkeit zu verkaufen, unser Gang in die Kirche erheblich verzögert wurde - ich wäre vor Scham in der Erde versunken, wenn wir nicht doch noch pünktlich zum Einzug der Prüflinge gekommen wären und ich ihnen alleine durch die ganze Kirche zum Chor hätte hinterherlaufen müssen. Wir erreichten die Marienkirche jedoch gerade noch rechtzeitig, und auch die Prüfung verlief für mich zufriedenstellend. Für die Einsegnung am 10. März 1940 hatte meine Mutter schwarzen Seidensamt besorgt, aus dem sie bei ihrer Schneiderin ein gleichwohl schlichtes Kleid mit weißem Kragen und vielen kleinen samtbezogenen Knöpfen für mich nähen ließ (siehe Abbildung), das mir zu ihrer Enttäuschung dann aber doch nicht so gut gefiel. Meinem Vater war es leider nicht möglich, erneut Urlaub zu bekommen, und so gingen dann lediglich wir fünf - meine Mutter, meine Schwester Anneliese, Urgroßvater Karl Fraedrich, Großmutter Elfriede Alverdes und ich - nach der feierlichen Einsegnung in der Marienkirche gemeinsam mit unseren Gästen zu uns nach Hause. Da nur unser Geschäft genügend große Räumlichkeiten für derartige Anlässe bzw. ein entsprechendes Essen bot, war in der zweiten Bierstube eine festliche Tafel gedeckt. Aufgrund der zu Kriegsbeginn noch weitgehend normalen Versorgungslage konnte meine Mutter - mit Unterstützung von Großmutter Frieda und unserer Hausgehilfin Grete - ein köstliches Essen zubereiten, von dessen Speisefolge ich allerdings nur noch das Dessert erinnere (Zitronen- und Weincreme). Meine sechsjährige Schwester, die bis zu diesem Zeitpunkt nur recht mäßig gegessen und nicht selten auch das Essen verweigert hatte, schlug hier so unmäßig zu, daß sie sich schließlich auf einem Sofa auf dem Rücken liegend von der ungewohnten Anstrengungen ausruhte - und alle Gäste herzlich lachen mußten. Den Höhepunkt der Feier bildete die Tischrede meines 87jährigen, blinden Urgroßvaters, die durch Inhalt, Dauer und Diktion alle Anwesenden in Erstaunen versetzte, womit er dann auch meinen leider nicht anwesenden Vater würdig vertreten hatte. In Hinblick auf die Geschenke kann ich mich an einen Ring mit einem Goldtopas und weiteres Tafelsilber für meine Aussteuer von Seiten meiner Eltern, an ein Schmuckstück aus dem Erbe meiner Großmutter Elsbeth Maaß von Tante Ilse Griep, an ein erstes Kölnisch Wasser ("Alt Sandel Wasser" von Lindner), an zahlreiche Bücher und viele, viele Blumen erinnern: vor allem Alpenveilchen und Azaleen in allen Farbschattierungen mit Glückwunschkarten von Bekannten oder Nachbarn, aber auch von Kunden unseres Geschäftes oder Kollegen meines Vaters, die von Gärtnereien aus Belgard angeliefert wurden und noch viele Tage nach der Feier die Räume unsere Wohnung schmückten.

Besuch bei Emmi Klawin
(Sommer 1950)
Familie Klawin aus dem in der Nähe von Belgard gelegenen Dorf Pumlow war uns nicht nur als Kunde unseres Geschäftes und durch ihre Tochter Emmi, die im Kriege als DRK Schwester im Lazarett in Belgard arbeitete und währenddessen bei uns im Haus ein Zimmer hatte, in Freundschaft verbunden, sondern auch über ihre Schwestern Lotte und Marie. Die beiden waren sehr geschickt am heimischen Webstuhl, wo sie, wenn in den Wintermonaten auf dem Hof nicht mehr ganz so viel Arbeit anfiel, neben feineren Webarbeiten auch aus Woll- und Stoffresten viel Nützliches für die eigene Familie und für Bekannte anfertigten. So webten sie während des Krieges für uns mehrere Teppichvorleger aus alten Strümpfen, die meine Mutter aufgehoben oder von unseren Mietern, von Bekannten und Freunden erbeten hatte. Nach dem Kriege sollten diese Vorleger dann zu einem größeren Stück zusammengefügt werden, um einen strapazierten Teppich in unserem Eßzimmer zu ersetzen (meine Mutter hatte bereits einen großen Orientteppich aus unserem Wohnzimmer zusammengerollt und auf dem Boden unseres Hauses eingelagert - denn nach ihren Worten sollte "nach dem Kriege alles wieder schön eingerichtet werden"). Zudem bedauerte sie oft, daß ein weiterer wertvoller Teppich aus dem Herrenzimmer, das bei uns seit einigen Jahren als Durchgangszimmer diente und wo der Bodenbelag dementsprechend strapaziert wurde, mittlerweile ebenfalls recht abgetreten war (mein Großvater Johannes Alverdes hatte ihn ursprünglich einem Kollegen aus dem Kreishaus abgekauft, den sich dieser aus der Türkei hatte schicken lassen, dann jedoch mit der Farbstellung nicht zufrieden gewesen war). So saßen meine Mutter, meine Großmutter Friedchen (soweit sie nicht mit Gelenkrheumatismus das Bett hüten mußte), unsere Hausgehilfin Ilse Kruggel und ich öfter abends mit Schere und Nähzeug am Wohnzimmertisch und bereiteten das Material für die Webarbeiten vor. Die verschiedenfarbigen Strumpflängen wurden spiralförmig zerschnitten, die so entstandenen Streifen aneinandergenäht und zu großen Knäulen aufgewickelt, sodaß die Vorleger dann unter den geschickten Händen der Schwestern Klawin in den üblichen Strumpffarben beige-, braun- und schwarzmeliert entstehen konnten. Zu einem endgültigen Abschluß der Arbeiten ist es dann durch das Kriegsende nicht mehr gekommen, jedoch entsinnt sich meine Schwester Anneliese noch daran, einige der Vorleger bereits gesehen zu haben. Doch nicht nur durch das Weben dieser Teppiche, sondern auch noch in ganz anderer Hinsicht unterstützten uns Klawins in dieser schweren Zeit: So versorgten sie meine Familie mit der damals recht knappen Butter, denn da sie ihre Milch an die Belgarder Molkerei abliefern mußten, waren sie dort auch als Bezieher von Butter eingetragen, die sie jedoch nicht in Anspruch nahmen, weil ihnen selbstgemachte Butter viel besser schmeckte. So hatten sie im Keller ein alte Zentrifuge versteckt und butterten damit schwarz für den Eigenbedarf, konnten daher meiner Mutter die Abholkarte für die Molkereibutter überlassen und wir auf diese Weise ihre Butterzuteilung beziehen. Meine Mutter hielt auch noch nach dem Kriege von Halle an der Saale aus brieflich Kontakt zu Emmi Klawin, die nun in Kühlungsborn an der Ostsee ein Erholungsheim für Tbc-kranke Spätheimkehrer aus russischer Kriegsgefangenschaft
Bei Familie Klawin in der
Nähe von Bad Doberan
leitete. Denn Emmis Eltern und ihre Schwestern Lotte und Marie waren nach der Vertreibung aus Pommern auf einem Bauernhof in einem kleinen Dorf bei Bad Doberan unweit von Kühlungsborn gelandet und arbeiteten dort in der Landwirtschaft. Emmi lud meine Schwester Anneliese und mich im Sommer 1950 zu sich nach Kühlungsborn ein, wo wir uns bei herrlichem Strandwetter und gutem Essen mehrere Wochen in ihrem Zimmer einnisten durften, während sie selbst bei einer Kollegin im gleichen Haus schlief. In Kühlungsborn trafen wir auch eine alte Freundin meiner Eltern aus Belgard, Trude Czepluch von der gleichnamigen Drogerie in der Friedrichstraße neben der Post, die damals mit ihrem Enkel in einem Kühlungsborner Hotel wohnte. Emmi sorgte während dieser Zeit rührend für uns. Hier verbrachten wir viele schöne Stunden und ich erlebte dabei auch einige aufregende Momente, etwa wenn ich am Abend gemeinsam mit Emmi in den ausgedehnten Blumenfelder einer Gärtnerei heimlich Sträuße für unser Zimmer pflückte und wir dabei nicht nur einmal von einem Feldwächter verfolgt wurden. Als ich dann im Jahre 1953 während eines FDGB-Urlaubes erneut einige Wochen in Kühlungsborn verbrachte, besuchte ich natürlich auch wieder Emmi. Nach dem Tode meiner Mutter konnte ich die Verbindung zu Emmi leider nicht aufrechterhalten, und so hörte ich erst viel später, als ich von einer Klassenkameradin die Adresse ihrer Schwester Lotte erhalten hatte, daß sie - von ihrer Schwester bis zum Schluß gepflegt - an einer schweren Krankheit gestorben war.

Ilse Kruggel 1944
Wie eine Freundin war für mich Ilse Kruggel aus Naffin (etwa acht Kilometer südlich von Belgard), Tochter des Schweizers vom Gut der Familie Wilde, die von Anfang 1941 bis 1944 bei uns als Hausangestellte tätig war. Sie half meiner Mutter bei der Hausarbeit und in der Küche und wurde uns schnell zu einer lieben Hausgenossin und mir fast eine Schwester, und das nicht nur, weil sie lediglich ein oder zwei Jahre älter war. So erledigte ich häufig gemeinsam mit ihr den mittäglichen Abwasch, wobei wir uns mit dem Singen von damals aktuellen Schlagern und jugendlichen Albernheiten die Arbeit verkürzten. Sie zeigte mir in ihrem Zimmer auch ihre Zither, ein mir damals noch unbekanntes Instrument. Die Lage unseres Hauses mit Blick durch die Heerstraße in Richtung Markt war zur Beobachtung von Marschgruppen der Wehrmacht oder des Arbeitsdienstes geradezu prädestiniert. Ilse und ich liefen oft, wenn wir Marschgesang oder Militärkapellen hörten, zu einem Fenster unseres Wohnzimmers, von welchem man sowohl die Marienstraße als auch die Heerstraße überblicken konnte, und winkten den Arbeitsdienstmännern zu, wenn sie zum Beispiel "Lore, Lore, Lore, Lore, schön sind die Mädchen von siebzehn, achtzehn Jahr...." sangen (und ich mich dabei besonders angesprochen fühlte). Noch anziehender waren für uns jedoch die häufigen Vorbeimärsche von Wehrmachtssoldaten, die vom alten Übungsgelände der Belgarder Garnison bei Uhlenburg an der Körliner Straße zur Hindersinn- oder Von-Scholz-Kaserne auf der anderen Seite der Stadt zurückkehrten, das heißt ihren Weg über Friedrichstraße, Marktplatz, Heerstraße, Marienstraße, Hohes Tor und Wilhelmstraße nahmen und dann auch direkt an unserem Haus vorüberkamen. Sie sangen dabei oft Lieder, die auch wir Mädchen in Text und Melodie beherrschten. Als wir Anfang des Krieges wieder einmal lange Zeit am Fenster standen, den Soldaten zuwinkten und mitsangen, vergaßen wir völlig unsere Arbeit in der Küche, wo wir die Rouladen, welche wir zuvor unter Anleitung meiner kranken Großmutter Elfriede Alverdes bei ihr am Bett gewickelt hatten, nach dem Anbraten beaufsichtigen sollten. Das Resultat unserer Unaufmerksamkeit waren schwarz verbrannte Rouladen, fast gänzlich verkohlt und nicht mehr genießbar - und das bei den extra dafür zusammengesparten Fleischmarken, so daß meine Mutter und meine Großmutter zurecht entsetzt waren. Das Allerschönste aber waren die Tage, an denen eine Militärkapelle mit klingendem Spiel bei uns am Haus vorbeizog, was selbst vor dem Kriege nur ab und zu vorkam; dabei erregten vor allem der Tambourmajor, der Schellenbaumträger, der Berittene mit den großen Kesselpauken meine Bewunderung. Wir waren auch gemeinsam in der Tanzstunde, an der Ilse bis zum Ende teilnahm, während ich sie bereits nach einigen Wochen abbrach. Auf Wunsch meiner Mutter trug sie deshalb ein seidenes Tanzstundenkleid aus einem Stoff, den mein Vater aus Padua mitgebracht hatte, als er im Kriege zeitweise dort stationiert war, und aus dem meine Mutter ursprünglich für mich ein Kleid für den Abschlußball nähen lassen wollte. Ilse war bei der Pflege meiner an Gelenkrheumatismus erkrankten Großmutter Alverdes und in den letzten Tagen meines 91jährigen Urgroßvaters Karl Fraedrich meiner Mutter eine tatkräftige Hilfe. Mutti fühlte sich ihr sehr verbunden und korrespondierte nach dem Kriege noch längere Zeit mit ihr.


Unsere Hunde

Herr Rettig (rechts) mit un-
serem Jagdhund "Strolch"
Der erste Hund, der für mein Leben eine gewisse Bedeutung hatte, war Strolch, ein stichelhaariger Vorstehhund, den mein Großvater Bernhard Maaß neben zwei Dackeln als Jagdhund hielt. Ich kann mich allerdings nicht mehr selbst an ihn erinnern, aber meine Mutter bewahrte ihm ein treues Andenken. Sie erzählte, wie der Hund ihr 1926 als Babysitter gedient hatte, wenn sie in der Küche arbeitete und mich in einem Korbwagen auf der zum Hof liegenden Galerie seiner Obhut überließ. Sobald er Bewegung im Kinderwagen bemerkte, schlug er an und alarmierte auf diese Weise meine Mutter. So ging es ihr dann auch sehr nahe, als Strolch einige Jahre später bei Mäharbeiten schwer verletzt wurde. Der Hund hatte unseren Hofarbeiter Herrn Rettig auf ein Feld im Darkower Moor begleitet, welches zu unserem Hausgrundstück Marienstraße 15/16 gehörte, und war dort im hohen Gras von der Sense getroffen worden. Meine Mutter fuhr sofort mit unserem Tierarzt dorthin und mußte mitansehen, wie Strolch nicht mehr zu helfen war und Dr. Schröder ihm nur noch mit einer Spritze das Sterben erleichtern konnte. Später erinnerte sich meine Mutter noch oft mit Tränen in den Augen daran.

Während meiner frühen Kindheit war dann der Bernhardiner Peter unser Hausgenosse. Meine Mutter hatte ihn bereits als Welpen bekommen und fast noch mit der Flasche aufziehen müssen. In unserem Photoalbum, daß wir bei der Vertreibung aus Belgard in unserer Wohnung zurücklassen mußten, befanden sich zwei Aufnahmen, auf denen ich gemeinsam mit dem Hund auf unserer Galerie zu sehen war. Das erste Bild zeigte ihn noch sehr jung mit wolligem Fell, auf der zweiten Photographie war er schon ausgewachsen. Diese zweite Aufnahme war gegen mein heftiges Sträuben entstanden, da ich mich nur unter großen Ängsten in die Nähe des mächtigen Bernhardiners wagte. Meinen Eltern bereitete er viel Ärger, wenn er seine Aufgabe als Wachhund falsch verstand und Leute ins Bein biß, die unseren Hof betraten oder dem Rollwagen zu nahe kamen, auf dem er Herrn Rettig bei der Auslieferungen von Waren zu den Kunden begleitete, sodaß mein Vater oft Schmerzensgeld zahlen mußte. Ein Vorfall aber schlug dem Faß den Boden aus, denn eines Tages wollte er sogar auf meine Mutter losgehen, die gerade den Hof überquerte und sich nur retten konnte, indem sie ihm mit einem Teppichklopfer drohte, der dort neben der Teppichstange lag. Da entschloß sich mein Vater endgültig, den riesigen Hund abzugeben. Es fand sich für ihn auch ein Interessent, ein Kunde unseres Geschäftes vom Lande. Als mein Vater das Tier schließlich wegbrachte, nahm er mich mit und so fuhren wir mit dem vom Großvater geerbten Jagdwagen in Richtung des Gutes, wo der neue Besitzer bereits auf den Hund wartete. Ich saß neben meinem Vater vorn auf der Bank, hinter uns im Kasten lag der Bernhardiner. Unterwegs wurde das Tier unruhig und sprang an einem Tümpel hinunter, um Wasser zu saufen. Erst nach längerem Rufen kam er zum Wagen zurück, sprang jedoch nicht wieder in den Kasten, sondern vorne in den Fußraum vor der Bank und ließ sich dort auf unseren Füßen nieder. Ich fing an zu schreien und kletterte trotz meines Vaters beruhigender Worten über die Rückenlehne der Vordersitze in den Kasten, wo noch kurz zuvor der Hund gelegen hatte. Dann setzen wir unsere Fahrt fort und lieferten ihn auf dem Gutshof ab; mein Vater sah ihn dort einige Zeit später als Kettenhund. Als wir nach Belgard zurückgekehrt waren, brachte mich mein Vater schmunzelnd und mit den folgenden Worten zu meiner Mutter: "Mit einem Hund vorn und einem Kind hinten im Kasten kam ich dort an." Wenn später einmal das Gespräch auf unseren Bernhardiner Peter kam stand immer wieder die Frage im Raum, warum er schließlich so bissig wurde.

Auf Peter folgte Fips, ein Hund ohne Stammbaum. Diese lustige Promenadenmischung hatte ganz sicher Terrier unter ihren Vorfahren und war während meiner Grundschulzeit bei uns zu Hause. Seinen treuen Blick, sein schwarz-weiß geflecktes Fell, seine Schlappohren und sein Stummelschwänzchen sehe ich noch heute vor mir. Ihm bei Spaziergängen an der Leitznitz Stöckchen ins Wasser zu werfen, mit ihm um die Wette zu laufen, ihn mit einem Leckerbissen zu füttern oder mit ihm zu schmusen bereitete mir als Kind großes Vergnügen. Jedoch waren meine Eltern über sein Verhalten nicht immer glücklich, mein Vater nannte ihn einen "Stromer" und obwohl er die Haustür oftmals erst nach langem Warten am späten Abend verschloß, kam der Ausreißer nach seinen Streifzügen manchmal nicht mehr ins Haus, hockte dann morgens schuldbewußt in einer Mauernische und schien auf eine Strafe zu warten. Er war nicht nur ein Stromer, sondern auch ein Kämpfer und legte sich nicht selten mit größeren Hunden an, die ihn natürlich in die Schranken verwiesen. So kam er einmal mit zerfetztem Ohr nach Hause, saß winselnd vor meinem Vater und ließ sich von ihm tröstend streicheln. Das ganze Haus lief zusammen und besah das blutende Ohr. Ich mochte damals nicht zusehen, wie mein Vater das zerfetzte Ohr mit einer Schere beschnitt und ihm wohl auch ein Pflaster auflegte. Mir überließ man es danach, ihn mit einem Leckerbissen zu trösten. Eines Tages jedoch kehrte er nach einem seiner nächtlichen Ausflüge nicht mehr zurück. Die Hoffnung auf seine Rückkehr hielt sich bei uns noch einige Tage, dann aber mußten wir einsehen, daß er für uns verloren war. Sollten ihn, den gelehrigen Hund, dem wir manches kleine Kunststück beibringen konnten, die Zigeuner mitgenommen haben, die zu dieser Zeit mit ihren Wohnwagen am Stadtrand campierten, oder war er etwa unter die Räder gekommen? Vielleicht sogar unter die Räder der Eisenbahn, denn er hatte sich beim Spaziergang doch immer an der heruntergelassenen Bahnschranke über den vorbeifahrenden Zug an der Leine zerrend ganz furchtbar aufgeregt - niemals haben wir Näheres darüber erfahren.

Mit meiner Schwester
und unserem Boxer
Als meine Eltern dann in der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre Drill von der Bismarckswarte, einen hellen Boxer kauften, war ich zunächst sehr entsetzt, denn er schien mir als Kind den Bulldoggen zu ähneln, einer Rasse, die ich als etwa Zwölfjährige überhaupt nicht leiden mochte. Aber schon bald wurde er mir ein treuer Freund, der bis 1940 in unserem Hause lebte. Als er noch neu in unserem Viertel war, verstand er es sofort, sich anderen Hunden gegenüber durchzusetzen. So zogen sich auch die beiden Jagdhunde von Hotel Wolter am Markt, die für gewöhnlich vor dem Eingang lagen und kaum einen anderen Hund ohne anzuschlagen vorbeiließen, bereits nach der ersten Begegnung mit ihm regelmäßig ins Haus zurück, wenn sie mich mit Drill an der Marktecke kommen sahen. Von Auseinandersetzungen mit anderen Hunden hörten wir dagegen nie etwas und konnten bei ihm auch keine derartigen Blessuren feststellen, obgleich er nicht nur mit uns an der Leine spazierenging, sondern als Wachhund im Hof und in der näheren Umgebung frei umherlief. Man zollte ihm also gleich Respekt, und so waren die Spaziergänge mit ihm weniger aufregend als mit Fips. Leider konnte er seine Abneigung gegen das Wasser der Leitznitz nicht überwinden, und auch die Bemühungen meines Vaters, ihn durch Stöckchenwerfen oder mit kleinen Leckerbissen in das nasse Element zu locken, blieben leider erfolglos. Er war ein gutmütiger, gegen Fremde jedoch sehr abweisender Hausgenosse, was auch unser Tierarzt Dr. Schröder bald feststellen mußte. Anläßlich eines Besuches in unserer Bierstube zeigte ihm mein Vater den neuen Hund mit dem Hinweis, daß er ihn besser nicht anfassen solle. Dr. Schröder, der als Tierarzt auf seine Erfahrung im Umgang mit Hunden vertraute, wollte ihn dennoch tätscheln und sein Maul bzw. seine Zähne untersuchen, wobei Drill ihn dann umgehend in den Daumen biß. Mit uns Kindern war der Hund sehr geduldig und ließ sich selbst in unsere Spiele mit einbeziehen - nur einmal versagten alle unsere Bemühungen, als er partout nicht als "Elefant" dienen und den zu einem Zirkuswagen umfunktionierten Puppenwagen meiner Schwester schieben wollte. Nachdem mich meine Mutter einmal mit ihm von der Schule abgeholt hatte, konnte sie ihn mittags alleine losschicken, um mich ab und zu von dort abzuholen. Er saß dann wartend am Eingang zu unserem Schulhof und ich freute mich nicht nur jedes Mal über seine freudige Begrüßung, sondern genoß zugleich auch die Bewunderung meiner Mitschülerinnen. Als dann Anfang des Krieges die Versorgung eines großen Hundes selbst mit Bruchreis und Fleisch von der Freibank immer schwieriger wurde, mußte meine Mutter ihn schließlich Ende 1940 weggeben. Ein Metzger von auswärts, der nun besser für ihn sorgen konnte, holte ihn mit dem Auto ab. Ich war zu dieser Zeit in der Schule, meine Mutter erzählte mir danach traurig von seinem Abschied: Da er gerne Auto fuhr, ließ er sich leicht auf den Rücksitz des Fahrzeuges locken und bellte laut, als meine Mutter ihm nicht folgte. Sie sah sein Gesicht durch die Rückscheibe und meinte darin Trauer und Verzweiflung erkannt zu haben.

Unser letzter Hund war ein Terrier wie Fips, aber mit wolligem Fell. Er hieß Schwipp und hatte vorher bei Leuten in Belgard an der Körliner Straße gelebt. Er gab bei uns nur ein kurzes Gastspiel, weil er sein neues Zuhause nicht akzeptieren wollte und ständig wieder zu seinen früheren Besitzern zurücklief. Nach mehreren Versuchen, ihn doch noch an uns zu gewöhnen, mußten wir ihn schließlich wieder in die Körliner Straße zurückgeben.


Ein Sommerausflug 1932

Es war ein heißer Sommersonntag im Jahre 1932, an dem sich meine Eltern zu einem Ausflug mit Pferd und Wagen entschlossen. Meine Oma Frieda, meine Eltern und ich (damals vielleicht sieben Jahre alt) waren auf dem Weg nach Kiefheide, einem Waldgebiet in der Nähe unserer kleinen Stadt. Als der Wagen die Asphaltchaussee verlassen hatte und in einen Waldweg einbog, spürte man die Hitze noch mehr; es mochte auch schon Mittag sein. Die Pferde trabten jetzt leise, die hohen Räder mahlten durch den Sand. Es war sehr still um uns herum. Nur mein Vater, der die Zügel führte, pfiff fröhlich vor sich hin. Ich saß stolz neben ihm und versuchte, sein melodisches Pfeifen, wie so oft, nachzuahmen. Nach einer Weile übergab er meiner Mutter die Zügel mit der Bitte, langsam weiterzufahren. Währenddessen wollte er mit mir zu Fuß eine Abkürzung einschlagen. Nun wanderte ich mit meinem Vater Hand in Hand durch den Kiefernwald, vorbei an kleinen Lichtungen, die mit Heidekraut bewachsen waren. Pappi versprach mir, zur Heideblüte wieder hierher zu fahren und beantwortete auch meine vielen Fragen über Käfer, Wanzen und einen herrlichen Schmetterling, dessen Namen er leider nicht kannte. Ich war glücklich! Ich hatte meinen Vater, der als Geschäftsmann sonst nicht immer so viel Zeit für mich hatte, hier ganz für mich allein. Noch ahnte ich nicht, daß bald schon eine kleine Schwester in Konkurrenz zu mir treten würde. Wir stapften langsam durch den Sandweg, meine Beine wurden sehr müde, die Hitze wurde immer drückender, und plötzlich empfand ich mein Kleid, ein Strickkleid Marke "Bleyle" mit langen Ärmeln, von meiner Mutter morgens gegen meinen Widerstand ausgewählt, als unerträglich. Mein Vater hatte Verständnis dafür, er zog mir das Kleid einfach aus. Befreit atmete ich auf, erschrak aber gleich darauf, als ich sah, daß er es an einen hohen Ast am Wege hängte. "Sie werden es schon sehen und mitbringen!" sagte er auf meine klagenden Ausrufe. Ich war entsetzt, denn ich stellte mir vor, wie es wäre, wenn ich in Unterwäsche in die Stadt zurückfahren müßte. Es könnten mich doch vielleicht Freundinnen sehen! Zu meinem Erstaunen und meiner riesengroßen Erleichterung hörten wir bald darauf den Wagen hinter uns herankommen und sahen Mutti mit dem Kleide winken. Das liebevolle Zusammensein mit meinem Vater, die Gespräche und die Betrachtungen der Natur hatten mich nicht merken lassen, daß wir uns längst wieder auf dem Fahrweg befanden. Ich drückte mich eng an Pappi und ließ mich auf den Wagen heben. Zum Abendbrot waren wir wieder zu Hause.

Dieser Tag taucht häufig in meiner Erinnerung an meine Kindheit auf. Heute weiß ich, daß die Liebe und Geborgenheit, die mein Vater mir an diesem Tag besonders offen zeigte, mich damals so glücklich sein ließen. Ein anderer tiefer Eindruck in der Erinnerung an diesen Tag geht von der Stimmung in der Natur an diesem heißen Sommertag aus. In Theodor Storms Gedicht "Abseits" fand ich später in einigen Zeilen diese Stimmung wieder.*

Ostseebad Kolberg 1938

Sommer an der Ostsee

Das für uns am nächsten gelegene Ostseebad war Kolberg, welches mit der Bahn von Belgard aus in weniger als einer Stunde zu erreichen war und das auch wir jeden Sommer wieder besuchten, entweder für längere Ferienaufenthalte oder in Form von Tagesausflügen. Das alte Ostseebad mit seinem breiten, feinkörnigen Sandstrand war weit über die Grenzen von Hinterpommern hinaus bekannt und wurde auch von Erholungsuchenden aus anderen deutschen Provinzen, ja selbst von Gästen aus dem Ausland frequentiert, so daß auf der langen, eleganten Kurpromenade insbesondere im Sommer ein vornehmes, weltläufiges Publikum flanierte. Als Kind beeindruckten mich hier vor allem die elegant gekleideten und - für die damalige Zeit recht ungewöhnlich - stark geschminkten Polinnen mit auffallend rotem Nagellack (als ich meinen Vater danach fragte, nannte er es nur "mit den Fingern in Blut gerührt"). Neben dem Strandleben und dem kulturellen Angebot standen für viele Besucher die Heilkuren mit Sole in den zahlreichen Kurheimen und Sanatorien im Mittelpunkt des Interesses, und selbst während des Krieges wurde Kolberg in den Sommermonaten von unzähligen Badegästen aufgesucht, zudem waren viele der Heilanstalten und Erholungsheime mit verwundeten oder genesenden Soldaten belegt. In den dreißiger Jahren sind auch meine Mutter und ich mehrmals für einige Wochen nach Kolberg in die Sommerfrische gefahren, dabei wohnten wir beide - später gemeinsam mit meiner kleinen Schwester Anneliese - im Hotel Hindenburg, das direkt an der Strandschloßplatte in der Nähe des Kurhauses ("Strandschloß") und des wunderbaren Rosengartens lag, oder wir logierten in einer Privatunterkunft bei einer älteren Dame direkt in der Stadt.
Letzte Sommerfrische vor dem Krieg:
auf dem Rückweg vom Strand im
Rosengarten in Kolberg (1939)
Da mein Vater unser Geschäft nicht für längere Zeit allein lassen konnte, kam er dann sonntags, vielleicht auch manchmal bereits am Sonnabend nach Geschäftsschluß zu uns ans Meer. An einem dieser Wochenenden war ich mit ihm im Kurhaus, als dort gerade das Orchester probte bzw. sich auf ein Kurkonzert vorbereitete. Dies nahm mein Vater zum Anlaß, mir den Aufbau eines Orchesters, die Sitzordnung der Musiker und die Funktion der einzelnen Instrumente zu erklären. Wenn wir in Kolberg die Sommerferien verbrachten, spielten für uns Kinder natürlich der Strand und das Wasser die größte Rolle, so daß der Tag am Meer dann oft von einem Abendspaziergang auf dem langen Seesteg oder durch den Rosengarten beendet wurde. Mein Vater liebte das Lagern in den Sandburgen oder das entspannte Faulenzen in den Strandkörben nicht wirklich, sondern bevorzugte Spaziergänge an der Wasserlinie entlang zum Hafen oder auch nach Osten in Richtung des nächsten Ortes. Dabei begleitete ich ihn oft und drängte ihn dann manchmal dazu, doch lieber nach Osten in Richtung Bodenhagen zu laufen, denn dort, wo der "freie" Strand begann, der nicht mehr zum Kurgebiet gehörte und ohne Kurkarte benutzt werden konnte, fand ich es am allerschönsten. Hier war der Strand nicht mehr so voll, es gab keine Strandkörbe und auch keine Laufbretter mehr, über die man im tiefen Sand und zwischen den zahlreichen Sandburgen des offiziellen Badestrandes überhaupt nur zum Wasser gelangen konnte. Meine Mutter blieb jedoch meistens im Strandkorb zurück oder ging nur bis ans Ufer, um uns Kindern beim Baden zuzuschauen. So nahm mich dann mein Vater mit ins Wasser, zeigte mir das richtige Verhalten in der Brandung und wo ich mich beim Schwimmen auf einer Sandbank ausruhen konnte. Bei trübem Wetter lenkte er unsere Schritte zur nahegelegenen Waldenfelsschanze am östlichen Ende des Strandes, benannt nach Hauptmann von Waldenfels, welcher sich ebenso wie Rittmeister von Schill und Rittmeister von Lützow während der Belagerung Kolbergs durch Napoleons Truppen im Jahre 1807 um die Verteidigung der Stadt verdient gemacht hatte. Wenn wir bei unseren Spaziergängen dann die Waldenfelsschanze erreichten, legte mein Vater eine Pause ein und erzählte, während wir auf die Ostsee hinausschauten, aus der Vergangenheit der Stadt Kolberg, die damals eine der wenigen Festungen war, die den Franzosen standhielt. Unter Führung des Stadtkommandanten Gneisenau und des Kolberger Bürgers Nettelbeck verteidigten sich die Bewohner während der monatelangen Einschließung erfolgreich gegen den Ansturm der napoleonischen Übermacht, wodurch ihr heldenhafter Widerstand zu einer nationalen Legende wurde - und uns in der Schule als herausragendes Beispiel preußischen Patriotismus' vorgeführt sowie von den Nationalsozialisten bereits lange vor Kriegsbeginn für ihre Propaganda mißbraucht. Oder mein Vater führte uns zum im Westen der Stadt gelegenen Hafen, wo wir auf der langen Mole bis zur Hafenausfahrt gingen, die Schiffe am Horizont beobachteten und die salzige Luft der Ostsee genossen. Dort begleitete ich ihn zu den Liegeplätzen der Boote, wo er sich mit ihm bekannten Fischern über die Arbeit und den Ertrag ihrer Fänge unterhielt oder mir das Leben am Hafen erklärte. Hier bewunderte ich vor allem die Fischer bei der Reparatur ihrer Netze, wenn sie mit flinken Fingern das Schiffchen mit dem Netzgarn durch die Maschen führten, oder wir verfolgten die farbenfrohen Fischerboote beim Ein- oder Auslaufen und beobachteten das Anlanden der Fänge. Mein Vater, der sich immer sehr für den Hafen und die Arbeit der Fischer interessiert hat, zeigte mir bei einem dieser Spaziergänge auch, wo am frühen Morgen die Belgarder Fischfrauen einzukaufen pflegten und ihre Karren mit Fisch beluden, um dann mit der Bahn nach Belgard zurückzukehren und ihre Ware fangfrisch auf dem Fischmarkt in der Dienerstraße zum Verkauf anzubieten. Einmal durfte ich auch meinen Vater begleiten, als er von einem befreundeten Fischer auf dessen Boot mit auf die Ostsee hinaus genommen wurde; meine Mutter blieb währenddessen
Paßbild für Fahrt
nach Bornholm
am Ufer zurück, da sie immer gleich seekrank wurde. Diese Bootsfahrt war für mich als vielleicht Zwölf- oder Dreizehnjährige ein beeindruckendes Erlebnis und ich wünscht mir damals, auch einmal eine richtige Seereise zu machen. Der Wunsch sollte für mich dann bereits im Sommer 1939 in Erfüllung gehen, als Onkel Heinz mich kurz vor Kriegsbeginn einlud, ihn auf einer Dampferfahrt nach Bornholm zu begleiten. Nach der mehrstündigen nächtlichen Überfahrt auf dem großen Passagierschiff wurde ich von meinem Onkel früh am Morgen aus dem Schlaf gerissen, da er mich einen Sonnenaufgang über dem Meer erleben lassen wollte. Das war für mich als Heranwachsende jedoch vollkommen unbedeutend, denn mein Interesse galt auf dieser Reise neben der Beobachtung von Wellengang und springenden Fischen vor allem der Arbeit der Matrosen, insbesondere während der Anlegemanöver in Rønne (Rönne) und Sandvig sowie beim Einlaufen in den Kolberger Hafen auf der Rückfahrt. Dieser Ausflug, auf dem wir auch meine Lehrerin Fräulein Ellmann von der Mädchenoberschule in Belgard trafen, erstreckte sich über insgesamt zwei Tage, wobei wir in Dänemark jeweils mehrere Stunden Landgang hatten, uns die pittoresken Kleinstädte Rønne und Sandvig mit ihren bunten Holzhäusern ansahen oder in kleinen Gruppen durch die Dünen wanderten, gemeinsam mit Fräulein Ellmann seltene Strandpflanzen betrachteten und die Sommersonne genossen. Meine jüngere Schwester Anneliese erinnert sich auch noch an einen Aufenthalt im Kriege mit meiner Mutter im Hotel Hindenburg in Kolberg, wo sie bei einem Kinderfest an einem abendlichen Laternenumzug teilnahm, der bis zur Waldenfelsschanze führte.

In Kolberg auf dem
Seesteg (ca. 1938)
Derartige Ausflüge an die Ostsee unternahm man in der Regel nur im Sommer, einmal jedoch fuhren wir auch zu einer völlig anderen Jahreszeiten nach Kolberg, um dort Zeugen eines besonders beeindruckenden Naturschauspiels zu werden. Es muß im ersten Kriegswinter 1939/40 gewesen sein, als Onkel Heinz seine zukünftige Frau Hilde (eine Nürnbergerin) nach Belgard schickte, wo sie seine Heimat Pommern kennen lernen sollte. Mein Vater, der nach seiner Einberufung zur Wehrmacht im Sommer 1939 noch einige Monate in der Belgarder Artilleriekaserne an der Körliner Straße stationiert war, unternahm dann an einem freien Tag mit Tante Hilde und mir einen Ausflug an die aufgrund der damals ungewöhnlich strengen Kälte weithin zugefrorenen Ostsee. Die scheinbar in der Bewegung erstarrte Brandung mit ihren hoch aufgetürmten Wellen wirkte ausgesprochen grandios, und einige der Schaulustigen wagten sich weit auf das zugefrorene Meer hinaus. Tief beeindruckt von diesem "Jahrhundertereignis" kehrten wir zwar recht durchgefroren, aber doch ausgesprochen begeistert und mit einem unvergeßlichen Erlebnis im Gepäck nach Belgard zurück. Außer im nahegelegenen Kolberg waren meine Eltern mit mir Anfang der dreißiger Jahre auch einmal in Stolpmünde im Urlaub. Im Alter von vielleicht fünf Jahren, das heißt noch bevor meine Schwester Anneliese geboren wurde, fuhren wir in der Nachsaison mit der Bahn in dieses damals recht beliebte Ostseebad. An den Ort und das Meer erinnere ich mich heute nicht mehr, nur das zu dieser Jahreszeit bereits weitgehend leere Hotel, in dem wir wohl die einzigen Gäste waren, ist mir ganz deutlich in Erinnerung geblieben. So hatten die Angestellten viel Zeit für uns und konnten sich auch mit mir ausgiebig beschäftigen, etwa indem sie in einem der langen Hotelkorridore mit mir Ball spielten. Auch wenn meine Eltern abends ausgingen, kümmerte sich das Hotelpersonal liebevoll um mich und brachte mich dann später wohl auch ins Bett. Sicher habe ich es genossen, am weitgehend leeren Strand herumzutoben und vor allem meine Eltern - fernab vom Geschäftsalltag in Belgard - den ganzen Tag für mich allein zu haben. In der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre führte uns ein Sonntagsausflug mit dem Auto von Onkel Karl Alverdes in den kleinen Ort Funkenhagen an der Ostsee, wo der Strand selbst am Wochenende noch nicht derart überlaufen war wie im etwa 20 Kilometer entfernten Kolberg. Bei herrlichem Sommerwetter stellten wir den DKW Meisterklasse in den Dünen ab, gingen ausgiebig am Strand spazieren und ließen uns dann im warmen Sand nieder. "Dort fährt Ulrich Sander!" rief mein Vater plötzlich, denn er erkannte als erster den Mann, der mit einigen Kindern in einem Ponywagen an der Wasserlinie entlang fuhr und schließlich mit Hallo und Peitschenknall an uns vorüberrauschte. So konnte auch meine Mutter einen Blick auf den damals recht populären Schriftsteller (1892-1972) werfen, von dem sie bereits einige Bücher gelesen hatte. Dabei erzählte sie mir, daß seine Romane an der Küste Hinterpommerns spielten und er hier in einem Dorf an der Ostsee lebte. Über diese unerwartete Begegnung wurde dann in ihrem Belgarder Bekanntenkreis wohl noch lange gesprochen.


Besuch in Berlin

Reisen nach Berlin waren für mich als Kind nichts Ungewöhnliches, da wir mit meinem Onkel Walter Fraedrich, dem jüngeren Bruder meiner Großmutter Elfriede Alverdes, dort Verwandtschaft hatten. So fuhren meine Urgroßeltern Fraedrich bereits in den zwanziger Jahren mit der Bahn nach Berlin, wo ihr Sohn Walter als Rechtsanwalt in der Stresemannstraße in der Nähe des Anhalterbahnhofes Wohnung und Kanzlei hatte (wie meine Großmutter Elfriede mir später erzählte nahmen sie immer einen großen Korb Verpflegung mit, wobei die ersten belegten Brote bereits kurz nach Erreichen des Bahnhofs Schivelbein verzehrt waren). Jedoch auch ich bekam dann ab Mitte der dreißiger Jahren mehrmals die Gelegenheit, die nicht
Onkel Walter Fraedrich
und mein Vetter Horst
nur für hinterpommersche Verhältnisse faszinierende Metropole Berlin kennenzulernen. Meine Eltern waren bereits als junge Eheleute ab und zu in die Hauptstadt gefahren, wo sie im Berlin der zwanziger Jahre gemeinsam mit Onkel Walter und seiner Frau Edith ins Theater gingen oder ein Varieté bzw. ein Revue-Theater besuchten. In den dreißiger Jahren konnte uns mein Vater jedoch nicht mehr begleiten, da er nun das Geschäft übernommen hatte und somit Belgard nicht für mehr als ein oder zwei Tage verlassen konnte. Neben Untersuchungen bzw. Behandlungen in der Charité, wo ich in Begleitung meiner Mutter mit einer während des Sportunterrichts erlittenen Verletzung in der Augenklink und mit einem orthopädischen Problem bei Professor Gocht vorstellig wurde, galten unsere Besuche dann vor allem meinem Onkel Walter Fraedrich und seiner Familie (wobei mein Vetter Horst zu dieser Zeit wohl schon in einem Internat in der Lausitz war). Aufgrund der guten Verbindung von Belgard aus erreichten wir die Hauptstadt über Schivelbein, Labes, Wangerin, Stargard, Stettin und Angermünde ohne Umsteigen bereits nach weniger als fünf Stunden Fahrzeit, was mir als Kind jedoch immer noch äußerst lange vorkam. Der Zug war in der Regel recht leer, so daß wir in den D-Zug-Wagen meistens ein Abteil für uns alleine hatten, wo wir uns dann in Ruhe unterhalten, in einem Buch lesen oder einfach nur die Landschaft an uns vorüberziehen lassen konnten. Auf den Bahnhöfen kaufte meine Mutter manchmal durch das offenen Fenster eine Zeitung und für mich eine heiße Wurst oder auch nur ein Getränk, zu dem wir dann unsere mitgebrachten Brote verzehrten; an Besuche im Speisewagen kann ich mich dagegen heute nicht mehr erinnern. Bevor wir in Berlin auf dem Stettiner Bahnhof ankamen, durchquerte der Zug lange Zeit die dichtbebaute Großstadt mit ihren Mietskasernen, Brandmauern und Hinterhöfen, wobei man zu meinem Erstaunen zum Teil so dicht und so langsam an den verschiedenen Gebäuden vorbeifuhr, daß man die Handwerker in den Werkstätten bei der Arbeit beobachten und den Bewohnern durch die Fenster quasi auf den Teller schauen konnte. Bei Fraedrichs wohnten wir dann in der großen, typisch Berliner Wohnung, die im vorderen, zur Saarlandstraße gelegenen Teil auch Onkel Walters Kanzlei beherbergte.

Onkel Walter Fraedrich
Rechtsanwalt in Berlin
Während unserer Aufenthalte in Berlin standen neben dem Besuch bei Fraedrichs vor allem der Stadtbummel mit meiner Mutter und das Flanieren im Zentrum der Hauptstadt auf dem Programm, weiterhin erinnere ich mich an Spaziergänge am Stadtschloß oder Unter den Linden und an Caféhausbesuche auf dem Kurfürstendamm, aber auch an einen Ausflug in den Berliner Zoo. Ebenfalls recht ungewöhnlich waren für mich als vielleicht zwölf- oder dreizehnjähriges Mädchen aus einer hinterpommerschen Kleinstadt die Fahrten mit der U-Bahn und auch der S-Bahn, wobei ich hier besonders die Stahlkonstruktionen der Hochbahnstrecken bestaunte. Wenn wir dann von der Wohnung unserer Gastgeber durch die Saarlandstraße zum nahegelegenen Potsdamer Platz gingen, kehrten wir dort manchmal auch bei "Aschinger" ein und verzehrten die legendären Löffelerbsen mit Einlage für nur 40 Pfennig pro Portion (Aschingers Stehbierhallen mit dem Leitspruch "Auf den alten Grundsatz eingestellt, gut essen und Trinken für wenig Geld"). Jedoch in welchem Geschäft mir meine Mutter in Berlin dann Kleider kaufte, kann ich heute nicht mehr genau sagen. Ich erinnere mich nur noch an das sehr große, imposante Kaufhaus, welches durchaus das KaDeWe gewesen sein kann. Wir haben hier bei jedem unserer Besuche eingekauft, einmal erhielt ich ein weißes Matrosenkleid mit Faltenrock, ein anderes Mal ein blaues Samtkleid mit Wollstickereien, das ich noch sehr lange trug und sehr liebte. Selbstverständlich wählte meine Mutter hier auch einige Kleidungsstücke für sich selbst aus, denn das Angebot war in der Weltstadt Berlin naturgemäß erheblich besser als in Belgard und selbst als im Modehaus Zeeck in Kolberg (und auch mein Onkel Walter Fraedrich verwöhnte seine einzige Nichte hier gerne mit einem Geschenk). Um mir einmal Schloß Sanssouci zu zeigen, chauffierte uns Onkel Walter bei einem dieser Besuche mit dem Auto nach Potsdam. Der Ausflug stand für mich jedoch unter einem schlechten Stern, denn ich hatte damals eine Abneigung gegen das Autofahren, da mir durch das Schaukeln während der Fahrt immer gleich übel wurde. So mußte ich während des Aufenthaltes in Potsdam ununterbrochen an die bevorstehende Rückfahrt denken und konnte mich an der Besichtigung des königlichen Schlosses nur wenig erfreuen. Ein andermal fuhren wir mit Fraedrichs im Auto nach Klein Machnow bei Rangsdorf im Süden von Berlin, wo sie ein Wochenendhaus im Wald hatten und wir einen schönen Sommertag im Grünen verbrachten - noch heute sehe ich eine Aufnahme aus unserem Photoalbum vor mir, auf der Onkel Walter im Liegestuhl vor dem Holzhaus liegt.

Haus Vaterland in Berlin
Haus Vaterland Potsdamer Platz Berlin
Für meine Mutter waren jedoch die Abendveranstaltungen die eigentlichen Höhepunkte der Tage in Berlin, etwa im Admiralspalast am Bahnhof Friedrich- straße. Hier sahen wir 1936 im Revue-Theater dieses Vergnügungspalastes die Operette "Frau Luna" von Paul Lincke in einer sehr revuehaften Inszenierung; eine traditionelle Aufführung mit einer durchgehenden Handlung hätte mir damals mehr zugesagt. Oder ein Besuch im Haus Vaterland am Potsdamer Platz unweit der Wohnung von Fraedrichs, ebenso wie der Admiralspalast ein sehr großes Haus mit den verschiedensten Restaurants, Cafés, Theater- und Ballsälen und einem umfangreichen Angebot an Variete-Veranstaltungen, das heißt Gastronomie und alle Arten von musikalischen und artistischen Darbietungen unter einem Dach. Als Kind faszinierten mich hier die zahlreichen Lokale mit jeweils landestypisch gestalteten Räumen und zum Teil recht exotischen, aufwendigen Ausstattungen, etwa als spanische Bodega, ungarische Csarda, amerikanische Wild-West-Bar, als Wiener Heurigenlokal oder türkische Mokkastube, wo man bereits im Vorübergehen einen Blick auf das fremdartige Ambiente erhaschen konnte. Hier streifte ich mit meiner Mutter jedesmal durch die verschiedenen Etagen, bevor wir dann in einem der verschiedenen Restaurants oder Cafés Platz nahmen. Dabei erinnere ich mich vor allem an die außergewöhnliche Dekoration in den "Rheinterrassen" mit Burgen und Weinbergen und an das "Löwenbräu" mit Blasmusik, bayerischer Trachtentanzgruppe und einem Alpenpanorama, das elektrisch beleuchtet und neben dem Alpenglühen von Zeit zu Zeit von einem dramatischen Gewitter mit Blitz und Donner geschüttelt wurde (daher auch das Motto "Im Haus Vaterland ist man gründlich, hier gewitterts stündlich").

Wintergarten Berlin 1936

Oder Onkel Walter hatte Karten für den "Wintergarten" besorgt, damals das wohl größte und bekannteste Varieté-Theater Berlins, ebenfalls an der Friedrichstraße gelegen. Hier beeindruckte mich - neben einem musikalischen Wunderkind, das auf der Geige klassische Musikstücke virtuos vortrug oder asiatischen Schlangenmenschen, die ihre Körper in die unvorstellbarsten Formen zwangen - insbesondere ein Zauberer bzw. Illusionist, der eine Dame nicht nur auf der Bühne, sondern auch direkt über dem Publikum schweben ließ. Damit hatte ich nach der Rückkehr in die Kleinstadt Belgard wahrlich genug Stoff, um in der Familie und vor meinen Freundinnen davon zu erzählen.


Volksschule 1932 bis 1936

Von 1932 bis 1936 besuchte ich die Volksschule für Mädchen in der Kirchstraße in Belgard, wo ich in das alte Schulgebäude direkt neben den Pfarrhäusern eingeschult wurde. So konnte ich mich jeden Morgen über einen kurzen Schulweg freuen, da ich von meinem Elternhaus lediglich die Marienstraße bis zu ihrem Ende entlang laufen mußte. An meine Grundschulzeit habe ich nur noch wenige Erinnerungen. Meine erste Lehrerin hieß Fräulein Dally, sie war eine weitläufige Bekannte meiner Mutter. Am ersten Schultag begrüßte sie jede ihrer Schülerinnen mit Handschlag, bewunderte die Zuckertüten und sprach freundliche Worte mit uns. Meine Zuckertüte war im Vergleich zu den Schultüten meiner Mitschülerinnen recht klein, da meine Eltern sich als stadtbekannte Geschäftsinhaber eher im Hintergrund halten und ein allzu protziges Auftreten ihrer Tochter vermeiden wollten. Für mich war dies jedoch keine Enttäuschung, denn meine Eltern hatten mich bereits darauf vorbereitet, daß meine Zuckertüte etwas kleiner ausfallen und ich zu Hause einen entsprechenden Ausgleich bekommen würde.

Das erste Schuljahr der Mädchen-
volksschule Belgard (1932)
Wenn ein Schulkind zu spät zum Unterricht kam, war Fräulein Dally so sehr empört, daß sie sich stets zu einer Ohrfeige hinreißen ließ. Als ich selbst einmal morgens die Klassentür erst erreichte, als von drinnen bereits der Unterricht zu vernehmen war, bekam ich große Angst, denn mit Ohrfeigen hatte ich bei uns zu Hause noch keine Bekanntschaft gemacht. Ich kehrte also weinend wieder um, lief den kurzen Weg zurück zu unserem Haus und berichtete meinem Vater davon, der gerade im Kontor hinter unserem Laden mit Buchführungsarbeiten beschäftigt war. Mein Vater nahm mich an der Hand und ging mit mir zur Schule zurück, wo er mich in der Klasse bei Fräulein Dally ablieferte und ich selbstverständlich ohne die sonst obligatorische Ohrfeige in meiner Bank Platz nehmen durfte. Auf den Unterricht in den ersten zwei Jahren kann ich mich heute jedoch nicht mehr besinnen. Im dritten Schuljahr hatten wir dann oft Vertretung durch Fräulein Buhrow und Fräulein Beermann, die ich beide nicht leiden konnte. Fräulein Buhrow versuchte einmal, mich bei einer Aufführung zur alljährlichen Weihnachtsfeier einzusetzen. Ich sollte passend zu einem Gedicht ("Ich pflück' den Apfel ab von diesem Baum") begleitende Bewegungen ausführen, was mir jedoch überhaupt nicht zu ihrer Zufriedenheit gelang, worauf sie meine Rolle dann einem anderen Kind übertrug. Ich denke heute, daß ich mir dabei auch überhaupt keine Mühe gegeben habe, denn ich war sehr schüchtern und mochte mich nicht vor anderen produzieren. Ein Erlebnis mit Fräulein Buhrow gab bei mir überdies den Anstoß, erstmals über Ungerechtigkeiten im Leben nachzudenken. Dabei hörte ich ihr Gespräch mit einer anderen Lehrerin über ein weniger begabtes Mädchen aus sozial schwachem Milieu. Auf die Frage der Kollegin "Wie kommen Sie denn mit der Schülerin aus?" antwortete sie "Wenn sie frech wird, dann gebe ich ihr immer etwas auf ihre dicken Backen!" Die Bedeutung dieses Satzes und seine herabsetzende Formulierung beschäftigten mich damals sehr und ich wußte oder vielmehr fühlte, daß sie mit mir so nicht umgegangen wäre.

Im vierten Schuljahr bekamen wir Herrn Nimtz als Klassenlehrer, an den ich mich sehr gerne erinnere. Mir gefielen auch seine Hobbys, an denen er uns u.a. durch sein Aquarium, das in unserer Klasse auf dem breiten Fensterbrett stand, teilhaben ließ. Wir trafen ihn einmal, als ich mit Omi Frieda (Elfriede Alverdes geb. Fraedrich), die ihn schon lange kannte, von einem Besuch bei meinen Großeltern Alverdes in der Pankniner Straße durch den Mükepark nach Hause ging. Sie hielt ihn an und fragte, warum ich im Zeichnen kein "gut" auf dem Zeugnis habe, wo ich doch so schöne Störche "gemalt" hätte. Ich war sehr verlegen und böse auf meine Großmutter, doch er lachte und unterhielt sich ausgesprochen nett mit uns. Leider wurde Herr Nimtz bald sehr krank und starb. Sein Nachfolger war Herr Meybem, Bruder des Wirtes des Belgarder Bahnhofsrestaurants, eines Freundes meines Vaters. Er war jung und sehr einfallsreich; sein Unterricht war ganz anders, interessanter, ja faszinierender als der seiner Kollegen. Er war mein Lieblingslehrer und schrieb mir in mein Poesiealbum:

Saß ein Spatz auf einem Dach,
dachte nach und sprach:
"Wie schön daß ich ein Spätzlein bin,
ich piep' und schwätz nach meinem Sinn,
Wenn man auch schilt und korrigiert,
so was hat mich noch nie geniert!"
Laß die Spatzen immer schwatzen,
ein Mägdelein hat kein Spätzelein zu sein!

Ich denke, daß wir bei Herrn Meybem bereits die Lateinische Schrift lernten, die wir für den Fremdsprachenunterricht auf der weiterführenden Schule brauchten, und die uns dann bis zum Ende unserer Schulzeit begleiten sollte. Bis dahin hatten wir in Sütterlin geschrieben, daß heißt im ersten Schuljahr mit dem Griffel auf eine Schiefertafel, an deren Holzrahmen ein kleiner feuchter Schwamm und ein trockenes Läppchen zum Löschen unserer Schreibübungen hingen. Erst im zweiten oder dritten Schuljahr schrieben wir in Hefte, zunächst mit Bleistift, später mit Federhalter und Tinte, wobei für jede Schülerin ein kleines Tintenglas in die Holztische eingelassen war, das vom Hausmeister regelmäßig aufgefüllt wurde. Für uns Grundschüler barg das Schreiben mit Tinte die Gefahr, sich nicht nur häufig die Finger blau zu färben, sondern auch Schwierigkeiten mit unseren Müttern wegen der Tintenkleckse auf Schulschürze und später auf Rock oder Pullover zu bekommen. Denn als wir in der Oberschule dann mit dem Füllfederhalter schrieben, brachten die damals verwendeten Kolbenfüller - zumindest in dieser Hinsicht - nur wenig Besserung. So war meine Freundin Christel Ristow bekannt für ihre Tintenfinger, die, wie ich zu erinnern glaube, selbst noch in unserer Abiturzeitung Erwähnung fanden.

Eleonore Maaß, Belgard an der Persante, Marienstraße 15/16 - in Sütterlin geschrieben


In diesen Jahren hatte ich wenig Kontakt zu Altersgenossen. Annemarie Krüger aus meiner Klasse - sie wohnte in der Wilhelmstraße - und Renate Ruthenberg, deren Vater, Direktor einer Krankenkasse, nach der Versetzung in unsere Stadt zur Zeit der großen Wohnungsnot mit seiner Familie für etwa ein bis zwei Jahre ein Dachzimmer in unserem Haus bewohnte, waren meine Freundinnen. Später zog Renate mit ihren Eltern in die Dienstwohnung im Obergeschoß des Gebäudes der Krankenkasse in der Luisenstraße Ecke Parkstraße. Häufig fanden sich zwei Schwestern aus der Mauerstraße, aus einem kleinen Haus gegenüber unserer Toreinfahrt in der Nähe des Strillenganges zum Spielen bei uns auf dem Hof ein. Die Schaukel war dabei die Attraktion, und ich lernte von ihnen die verschiedensten Ballspiele. So war ich in der warmen Jahreszeit oft mit Hertha und Grete an der Schaukel auf unserem Hof, wo die beiden mir durch ihr Vorbild die Angst vor dem Hochfliegen, bei dem wir mit den Füßen die Decke des Torbogens berührten, oder vor dem bei uns Kindern beliebten "Todeshang" nahmen, wenn wir mit dem Kopf nach unten mit den Knien am Brett der Schaukel hingen. Da die Toreinfahrt durch das Speichergebäude hindurch führte und die Schaukel an der Decke dieses Überbaus befestigt war, durften wir sie nur die Woche über benutzen, denn am Sonnabend ging dort häufig die Landkundschaft auf dem Weg zu ihren in der Mauerstraße abgestellten Wagen oder zu den Pferden im großen Pferdestall an der rechten Hofseite vorbei, zudem hatten die Außentoiletten für die Bierstuben ihren Eingang vom Torbogen aus. Sonntags aber spielte ich nie mit Hertha und Grete, denn Sonntag war der Tag der Familie. Das bereits damals weit verbreitete Jojo bereitete auch uns viel Freude, nicht selten übten wir lange das Auf-und-Ab und verglichen dabei unsere Künste. Viele dieser Jojos aus Holz oder Metall wurden in den Geschäften als Werbung an die Kinder der Kunden verschenkt, und so entsinne ich mich eines Metall-Jojos von der Firma Erdal in Form und Farbe einer Schuhcreme-Dose, das ich von einem Angestellten aus unserem Laden zugesteckt bekam. Gerne beschäftigte ich mich auch mit meinem Holzkreisel, mit dem ich auf der Marienstraße vor unserem Haus spielte, wo sich der Kreisel in den Ritzen zwischen den großen Platten des Bürgersteiges festklemmen ließ, bevor ich ihn mit der Peitschenschnur aufzog und dann durch gezielte Schläge zum Tanzen brachte. Von Grete und Hertha bekam ich auch mein erstes "Kreudebrot" (mit Rübensirup) und wurde in die Welt der Mauerstraßenkinder eingeführt. Meinen Eltern war es nicht recht, wenn wir in der Mauerstraße spielten, und so sollten die beiden möglichst auf unseren Hof kommen, wovon sie jedoch nicht immer begeistert waren. Die bei den arbeitenden Großeltern lebenden Mädchen liebten ihre Freiheit auf der Straße, worum ich sie zeitweise sehr beneidete. Der Kontakt zu ihnen riß im Jahre 1936 nach meinem Wechsel von der Volksschule auf das Lyzeum ab.

Der Strillengang auf einem
Notgeldschein aus Belgard
Strill oder Strille war die Bezeichnung für den Stadtgraben, der zur ehemaligen Stadtbefe-stigung von Belgard gehörte (in Tante Ilse Schwederskys Garten in der Wallstraße am Fuße der Stadtmauer war noch ein Stück dieses Grabens erhalten, und hier stand auch noch Wasser). Nach dem Abriß der Befestigung wurde ein Teil des Stadtgrabens zum sogenannten Strillengang, zur Zeit meiner Jugend ein Weg außen entlang der alten Stadtmauer zwischen Gartenstraße und dem Hohen Tor, d.h. an Stelle der trockengelegten Strill parallel zur Mauerstraße hinter unserem Haus. Hier spielten schon mein Vater Erwin und sein Bruder Heinz im ersten Jahrzehnt des Jahrhunderts. Der im vorletzten Haus kurz vor dem Hohen Tor gelegene tunnelartige Zugang führte über einen Gang durch das Wohnhaus hindurch und eine sich daran anschließende kleine Treppe zum Strillengang, der von den Kindern aus der Nachbarschaft oft in ihre Spiele einbezogen wurde. Als ich dort einmal gemeinsam mit ihnen spielte und noch nichts von der mit diesem Spielplatz verbundenen "Gefahr" ahnte, blieb ich, während meine Spielkameraden plötzlich wegliefen, ahnungslos stehen, als eine Bewohnerin des Hauses (die, nebenbei bemerkt, für Familien in Belgard bügelte) auftauchte. Sie schimpfte über den Lärm, den unser Spiel in dem hallenden Gang neben ihrer Wohnung verursachte, drohte den flüchtenden Kindern und verpaßte mir eine Ohrfeige. Ich lief weinend nach Hause und holte meinen Vater, der dann gemeinsam mit mir zu der Frau zurückging und sich mit ihr auseinandersetzte. Für die Kinder aus der Mauerstraße war das Spielen mit mir auch deshalb attraktiv, weil sie hofften, durch mich an Süßigkeiten aus unserem Geschäft zu kommen. Da es mir jedoch verboten war, aus dem Laden etwas mitzunehmen und meine Eltern mich aus Prinzip nicht an Schokolade oder Bonbons gewöhnt hatten, kam ich zunächst gar nicht auf die Idee, meinen Spielkameraden etwas Süßes mitzubringen, und so bedurfte es erst der Aufforderung "Hol' doch mal Bonbons!" durch die anderen Kinder. Nachdem ich dann bei uns im Geschäft einige Bonbons gegriffen hatte und dies nicht unbemerkt geblieben war, wurde ich von einem unserer Lehrlinge verfolgt, der mir über den Hof bis zur Mauerstraße nachlief. Auf meiner Flucht blieb ich mit einem Fuß in der eisernen Laufschiene, in der das große Hoftor auf- und zugerollt wurde, hängen und stürzte auf das Kopfsteinpflaster der Mauerstraße. Das Ergebnis war eine blutende Lippe und die abgeschlagene Ecke eines Schneidezahnes. Meine Mutter, die ihr übel zugerichtete Kind dann versorgte - selbst die von meiner Großmutter Elsbeth Maaß genähte Schürze war blutbefleckt - beließ es damals jedoch bei der Bemerkung "Das ist die Strafe dafür!" Wahrscheinlich war dieser Vorfall auch der Grund für meine Zurückhaltung, die ich mir selbst viel später noch in Hinblick auf Süßigkeiten aus unserem Geschäft auferlegte. Weiterhin war in den dreißiger Jahren am Ende des Strillenganges kurz vor der Gartenstraße eine sogenannte Rolle (Wäschemangel), wohin wir mit einem Handwagen die gewaschene Wäsche fuhren, oder ich trug gemeinsam mit unserer Hausgehilfin einen Korb mit Wäsche zum Mangeln dorthin. Das Drehen der großen steinernen Rolle dieser Kaltmangel hat mir immer großen Spaß gemacht.

Ausflug mit Dr. von Rhoden
Die beste Freundin meiner Grundschuljahre war jedoch Annemarie Krüger (genannt Annemie), die in einem großen Mietshaus für Angestellte der Überlandzentrale in der Wilhelmstraße gegenüber der Einmündung zur Luisenstraße wohnte. An das Haus schloß sich ein ausgedehnter Garten für die Mieter an, der hinter der übrigen Bebauung an der Wilhelmstraße bis zum Radweg am Leitznitzbach reichte. Diesen alten, eingewachsenen Garten bewunderte ich sehr, denn schon als Kind wünschte ich mir einen Garten für unser Haus, das ja nur über einen Hof und die entsprechenden Nebengebäude verfügte. Mein Vater erzählte von einem Garten hinter der Stadtmauer am Ende der Marienstraße, in dem er zu Beginn des Jahrhunderts mit seinen Geschwistern gespielt hatte - jedoch zu meiner Zeit waren von diesem Garten keine Spuren mehr zu finden. So verbrachte ich im Sommer viele Stunden mit Annemie im Garten an der Wilhelmstraße spielend, Radfahrer beobachtend, Rhabarberstengel lutschend und fröhlich schwatzend. Hier fanden auch erste Rauchversuche mit Zigaretten statt, die ich meiner Mutter entwendet hatte. Obwohl ich es mehrmals hustend versuchte und meiner Freundin dabei den Rauch ins Gesicht blies, ließ sich Annemie nicht von mir zum Rauchen verführen. Danach stand für uns beide fest, daß Rauchen nichts für uns wäre, und ich habe es auch später nie wieder probiert. Meine ersten Laufversuche auf Schlittschuhen unternahm ich Mitte der dreißiger Jahre unter Anleitung von Annemie auf dem Teich in der August-Petri-Allee, wo sie sich mit anderen Kindern ihrer Wohngegend schon vorher erfolgreich versucht hatte. Wir waren noch bis in die ersten Jahre an der Oberschule befreundet, und so erinnere ich, wie wir uns gemeinsam die Köpfe über das für uns damals nichtssagende Aufsatzthema "Ein Erlebnis" zerbrachen, das meine Klasse von unserem Deutschlehrer "Männe" (Studienrat Dr. von Rhoden) als Hausaufgabe bekommen hatte. Als auch alles Grübeln nicht weiterhalf, schafften wir uns selbst ein Erlebnis, indem wir in rascher Folge mehrmals von der Brüstung der Außentreppe am Eingang ihres Hauses in die dort gepflanzten Büsche sprangen, wobei mein Lodenmantel einen großen Riß bekam. Im Aufsatzheft fertigten wir zu jedem Aufsatz eine Zeichnung an, und so sehe ich noch heute die Seite mit meiner Zeichnung eines Kindes in einem Kapuzenmantel, das sich von einer Treppe in die danebenliegenden Büsche fallen läßt, vor mir. In der Zeit der Tanzstunden ging unsere Freundschaft auseinander, denn ich wollte nicht tanzen lernen, hielt mich für rhythmisch völlig unbegabt, was ich jedoch vor Annemie nicht zugeben wollte. Sie hatte sich schon zum Unterricht, der in der Wilhelmstraße in Karows Saal unter der Leitung eines Tanzlehrers aus Kolberg stattfand, angemeldet. So sagte ich ihr, daß ich in jenem Jahr noch nicht an der Tanzstunde teilnehmen wolle, und da sie sehr enttäuscht war, versuchte sie mich doch noch zu überreden, denn sie hatte wohl durch meine vagen, ausweichenden Antworten den Eindruck gewonnen, daß meine Mutter es mir verboten habe. Schließlich ging sie mit anderen Mädchen aus unserer Klasse zur Tanzstunde dorthin. Unsere Freundschaft lief danach allmählich aus, wir trafen uns zunächst weniger oft und schließlich gar nicht mehr. Das letzte Mal besuchte ich sie am Tage ihrer Konfirmation, wo ich auch den von ihr sehr geliebten Bruder, den strahlenden Hannes, kennenlernte, der nach der Schule zur Kriegsmarine eingezogen wurde und bereits in den ersten Kriegsjahren fiel. Für Annemie war der Verlust ihres einzigen Bruders besonders schmerzlich, weil sich die beiden Geschwister schon immer besonders verbunden gefühlt hatten. Annemie war ein ruhiges, ernstes Mädchen und mir eine liebe Klassenkameradin, die im Sport- und Handarbeitsunterricht viel besser als ich war. So war dann auch ihr selbstgenähtes Ballkleid für den Abschlußball der Tanzstunde überwältigend schön, und das obwohl das Angebot an Stoffen während des Krieges äußerst beschränkt war.

Vor dem Eingang zum
Lyzeum 20.6.1938
Eine weniger enge Freundschaft verband mich während der Grundschulzeit mit Magdalene Nest, die in der Pankniner Straße gegenüber der katholischen Kirche wohnte. Einige Male war ich bei ihr zum Kartenspiel, an dem sich auch ihr Vater beteiligte, der im Ersten Weltkrieg einen Arm verloren hatte und eine Prothese trug. Auf einer ihrer Geburtstagsfeiern bewunderte ich die farbige Götterspeise, die es von diesem Zeitpunkt an nun auch bei meinen Geburtstagen gab. Auf dem Lyzeum saß Leni im Kunstunterricht bei Herrn Utech neben mir, so daß wir uns auch einmal gegenseitig zeichnen mußten. Nach meinem Praktikum im Säuglingsheim der evangelischen Diakonissenanstalt "Salem" in Köslin in den Sommerferien 1942 war ich dann gemeinsam mit Magdalene Nest für einen längeren Kriegseinsatz von Ende August bis Anfang November auf dem Gut der Familie von Altenbockum in Muttrin in der Nähe von Groß Tychow, wo wir vor allem in der Küche und im Garten halfen und die Hühner und Enten versorgten.


Oberschule 1936 bis 1944

Ausflug mit Dr. von Rhoden
2. Klasse der Oberschule 1937
So erfolgte dann Ostern 1936 mein Übergang auf das Belgarder Lyzeum am Mükepark Ecke Luisenstraße / Jägerstraße, das 1939 im Rahmen der Oberschulreform in eine Oberschule für Mädchen (hauswirtschaftliche Form) umgewandelt wurde, womit zugleich eine Verkürzung der Schulzeit von neun auf acht Schuljahre verbunden war (die Oberstufe dauerte jetzt nur noch drei anstatt zuvor vier Jahre). Ich kann mich an die Aufnahmeprüfung nicht mehr besinnen, über die sich einige Klassenkameradinnen auch später noch unterhielten. Mit mir begannen dort meine Freundin Annemarie Krüger sowie Magdalene Nest, Lieselotte Onasch und Hannelore Piper aus meiner Volksschulklasse. Wir hatten jetzt das Privileg, Schülermützen zu tragen. Es handelte sich hierbei um schwarze Kappen aus Samt, denen an einer Seite ein zweifarbiger Winkel aufgenäht war, der durch seine Farbkombination die Klasse bzw. den Jahrgang angab. In der Sexta etwa bestand dieser Winkel aus einem lila-weißen Ripsband; die Mützen kaufte man bei Kürschnermeister Matz in der Karlstraße. Das Schulgeld betrug 20 oder 25 Reichsmark monatlich, für einige Kinder gab es Befreiungen von der Zahlung. Die Schulbücher konnten nicht ausgeliehen, sondern mußten selbst gekauft werden. Ich durfte sie immer bei der Buchhandlung Heine am Markt oder bei Johannsen in der Heerstraße bestellen. Einige Schülerinnen erwarben sie von älteren Mädchen für den halben Preis. Auch die Ganzschriften in Deutsch, Englisch und Französisch mußten wir uns selber anschaffen. Studienrat Dr. Rugard von Rhoden (genannt "Männe") unterrichtete uns in Geschichte, ein für uns neues Fach, das mir besonders zusagte. Ich entdeckte damals meine Liebe zur Geschichte, die sich später unter unserer langjährigen Klassenlehrerin Studienrätin Fräulein Büttner noch vertiefen sollte. Deutsch und Geschichte sind für mich während meiner gesamten Zeit an der Oberschule die geliebten Schwerpunkte geblieben.

Mit Fräulein Büttner 1939
4. Klasse der Oberschule
Fräulein Käthe Büttner trat Ostern 1938 als Klassenlehrerin in unser schulisches Leben. Sie unterrichtete uns in Deutsch und Geschichte. Mit ihrem Unterricht verbinde ich die stärksten und prägendsten Erinnerungen an meine Schulzeit. Schon in den ersten beiden Jahren am Lyzeum bei Dr. von Rhoden wurde mein bereits durch meinen Vater und unseren häuslichen Bücherschrank gewecktes geschichtliches Interesse gestärkt, aber erst durch Fräulein Büttners Unterricht kam es zu einer entsprechenden Vertiefung, welche auch die Interessen und Vorlieben in meinem späteren Leben bestimmen sollte. Neben dem Faible für Geschichte entwickelte sich durch ihren Unterricht meine Liebe zur Literatur, wobei uns Fräulein Büttner sowohl in Hinblick auf die Inhalte als auch die Form schulte - und ich hier die Bestätigung für meine Ahnung fand, daß Bücher zu den wichtigsten Dingen meines Lebens gehören sollten. Noch heute fallen mir oft Teile aus Gedichten, ja ganze Balladen ein, die ich angeregt von Fräulein Büttner damals gern auswendig gelernt habe. Die Beschäftigung mit den großen epischen Werken des Mittelalters und natürlich die Dramen der deutschen Klassik bildeten Schwerpunkte der letzten Schuljahre. Dabei standen Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller im Vordergrund. Als wir in der Abschlußklasse Goethes "Faust" gelesen hatten, ergab sich im Sommer 1943, daß im Kolberger Kurtheater (einem kleinen Saisontheater) "Faust I" aufgeführt wurde und Fräulein Büttner die Gelegenheit nutzte, um mit uns eine der Aufführungen zu besuchen. Schon die gemeinsame Bahnfahrt in die Ostseestadt und das Flair des romantischen Gebäudes stimmten uns auf das Erlebnis der großen Dichtung ein, das für uns alle unvergeßlich wurde. Weiterhin fallen mir neben Gotthold Ephraim Lessing auch aus anderen literarischen Epochen Namen wie Walther von der Vogelweide und Wolfram von Eschenbach ein, die Romantiker Joseph von Eichendorff, Novalis, Clemens von Brentano, Achim von Arnim und Ernst Moritz Arndt, weiterhin Annette von Droste-Hülshoff oder auch Vertreter des deutschen Realismus' wie etwa Theodor Storm, Theodor Fontane, Conrad Ferdinand Meyer und Friedrich Hebbel. Sein mehrteiliges Drama "Die Nibelungen" in Verbindung mit dem mittelalterlichen Nibelungenlied und der Edda zu betrachten und die Unterschiede herauszuarbeiten war für uns über längere Zeit eine interessante Aufgabe. Daß die Begriffe des "Nordischen" und des "Germanischen" hierbei einen Schwerpunkt bildeten, war für uns damals selbstverständlich. Auch wurden uns die berühmtesten Dramatiker der Antike wie Sophokles, Euripides oder Aischylos vorgestellt, und wir lasen gemeinsam Sophokles' "Antigone". Im letzten Schuljahr konnte sich jede Schülerin einen Dichter auswählen, mit dem wir uns über längere Zeit intensiver beschäftigten und zu dem wir auch ein entsprechendes Referat vor der Klasse hielten. Ich selbst entschied mich für Friedrich Hebbel, der mir dadurch besonders in der Erinnerung geblieben ist. In "Agnes Bernauer", einem von Hebbels späteren Dramen, war die Gestalt der schönen Baderstochter für mich von großem Reiz, und erst allmählich verdrängte ich unter den Interpretationen von Fräulein Büttner mein Mitleid mit der Geopferten zugunsten der Einsicht, daß sich die Wünsche des Individuums den Interessen der Herrschenden unterzuordnen haben und so das Leben eines Einzelnen für das Wohl der Gemeinschaft geopfert werden dürfe. Mit dem von mir bei der schriftlichen Abiturprüfung in Deutsch aus drei Möglichkeiten gewählten Aufsatzthema "Die Stellung des Einzel-Ichs zum Staat in Hebbels 'Agnes Bernauer'" habe ich diesen Punkt im Sinne der damals herrschenden Ideologie bearbeitet und dafür auch eine gute Note bekommen. Damit lieferten die dramatischen Werke der deutschen Literatur zugleich viele Anknüpfungspunkte, um unser Nationalbewußtsein und unsere Vaterlandsliebe zu festigen, bargen jedoch auch viele Aspekte, die der nationalsozialistischen Weltsicht völlig zuwiderliefen. Wie Fräulein Büttner diese für die damalige Zeit ideologisch problematischen Abschnitte dann letztlich ausdeutete - etwa die Forderung "Geben Sie Gedankenfreiheit, Sire!" des Marquis de Posa in Friedrich Schillers "Don Carlos", welche von ihr ebenso wie einige andere "unzeitgemäße" Passagen einfach übergangen wurden - und auf welche Weise sie sonst in ihren Interpretationen derartige "Klippen" umschiffte, vermag ich heute nicht mehr zu sagen. Ebenso bin ich mir nicht darüber im klaren, ob sie jenseits der vor uns Schülerinnen vorgetragenen Akzeptanz des Nationalsozialismus' auch eigene kritische Gedanken hegte. So übernahm ich damals die Weltsicht dieser von mir geliebten, ja verehrten Lehrerin und ihre Kritiklosigkeit gegenüber dem Dritten Reich auch deshalb, weil weder in meiner Familie noch in meiner weiteren Umgebung offen Zweifel an den bestehenden Verhältnissen geäußert wurden. Während meiner Schulzeit wurde diese Weltsicht nur ein einziges Mal wirklich erschüttert: Im Handarbeitsunterricht erzählte eine Klassenkameradin hinter vorgehaltener Hand, daß sie etwas vom "Lebensborn" der SS gehört habe, wo in Heimen Kinder aufgezogen würden, die aus der Verbindung von "rassisch einwandfreien" SS-Männern mit ebensolchen Frauen als "Geschenk für den Führer" gedacht seien. Es sollten auch in unserer Gegend Mädchen dafür gewonnen worden sein. Wir waren alle äußerst empört und konnten uns so etwas überhaupt nicht vorstellen. Während des Krieges erhielten wir im Deutschunterricht auch die Aufforderung, Briefe an Soldaten im Felde zu schreiben und bemühten uns dabei nach Kräften, den unbekannten Empfängern etwas Aufmunterndes mitzuteilen. Die Päckchen für Frontsoldaten packten wir jedoch vorwiegend auf den Heimabenden der Jungmädel bzw. des BDM. Auch wurde der Briefwechsel mit Mädchen aus befreundeten Ländern angeregt, und so bekam ich die Adresse von Aila aus Finnland, einer Schülerin in Helsinki. Mit ihr tauschte ich jedoch nur wenige Briefe aus, da wir zu verschieden waren und sie mir sowohl in Alter und Reife als auch in Hinblick auf ihre Interessen weit voraus erschien. Der Verein für das Deutschtum im Ausland (VDA) trat bei uns an der Schule durch eine kleine Zeitschrift und kleine blaue Stumpenkerzen, die jeweils vor Weihnachten in den Klassen verkauft wurden, in Erscheinung. Auch ich erwarb jedes Mal eine Kerze, die dann in der Adventszeit bei uns im Wohnzimmer angezündet wurde. Die Zeitschrift enthielt Berichte über Deutsche in aller Welt, ich erinnere mich hier vor allem an Artikel über Wolhyniendeutsche oder Banatschwaben in Osteuropa. Wir konnten in der Schule noch zwei weitere Zeitschriften beziehen, von denen auch ich eine abonniert hatte. Hier waren die verschiedensten Themen für Kinder und Jugendliche verständlich aufbereitet, und nicht nur ich las gerne darin.

Lehrer des Lyzeums in Belgard 1939
Unsere Lehrer Herr Rogausch, Dr. Claus, Frl. Albany, Frl. Ellmann,
Frl. Wallis, Frl. Büttner und Dr. Düring auf einem Schulschwimmfest
im Schwimmbad in Belgard (Aufnahme Juni 1939)

Eine besondere Freude bereitete mir eine Einladung Fräulein Büttners in ihre Wohnung in die August-Petri-Allee. Wir waren vielleicht fünf oder sechs Schülerinnen, die an einem Nachmittag zur Besprechung unserer schriftlichen Praktikumsberichte (vermutlich über den Dienst im Säuglingsheim der evangelischen Diakonissenanstalt in Köslin 1942) zu ihr nach Hause kommen durften. Ob wir die Einzigen aus unserer Klasse waren, die dieses Vorrecht genießen sollten, kann ich heute nicht mehr sagen, zumindest war solch ein halbprivates Treffen mit einer Lehrkraft in deren Wohnung zu unserer Schulzeit doch noch recht ungewöhnlich. In etwas geringerem Umfang als mit den Werken der Literatur machte uns Fräulein Büttner mit philosophischen Schriften bekannt. Wir lasen Auszüge aus Gotthold Ephraim Lessings literaturkritischen Schriften, von Johann Gottlieb Fichte einige Abschnitte seiner Rechtslehre und natürlich auch seine "Reden an die deutsche Nation" von 1807, aus denen wir entnehmen konnten, wie unverzichtbar der Patriotismus für den Fortbestand von Volk und Staat ist. Im Fach Geschichte hatte ich durch mein häusliches Umfeld, in dem es zahlreiche Bücher mit geschichtlichem Inhalt sowie entsprechende Bildbände (etwa "Bildersaal deutscher Geschichte" von Adolf Bär und Paul Quensel) gab, die aus meines Vaters Kindheit stammten und für Heranwachsende verständlich "Geschichte in Geschichten" erzählten, einen gewissen Vorsprung vor meinen Mitschülerinnen. Die Entstehung des Ersten Deutschen Reiches und das Schicksal der Geschlechter, die es regierten, beeindruckten mich tief, besonders dann, wenn sich Geschichte in den Werken der deutschen Lyrik abbildete, etwa in Gedichten und Balladen wie "Barbarossa" (Friedrich Rückert), "Ihr Staufer waret das Königshaus...." (Agnes Miegel), "Heinrich der Vogler" (Johann Nepomuk Vogl) oder "Das Grab im Busento" (August von Platen). So erfuhren wir immer wieder von der Größe und der Macht des Deutschen Reiches, aber auch vom häufigen Wechsel von Aufstieg, Stagnation und Niedergang, letzterer oft verursacht durch Intrigen und Verrat. In Hinblick auf die späteren Jahre des Ersten Reiches lag der Schwerpunkt bei uns in Pommern, der preußischen Provinz, auf der Entstehung des Königreichs Preußen, auf Preußens Gloria und auf seinem Beitrag zur Gründung des Zweiten Kaiserreiches. Die preußischen Tugenden wurden gepriesen und als unverzichtbar für die deutsche Nation dargestellt, dabei jedoch auch die Weltoffenheit und Toleranz der Preußen (etwa unter Friedrich Wilhelm I und Friedrich II) nicht ausgespart. Weiterhin kann ich mich an Bismarck und seine Stellung innerhalb des deutschen Reiches von 1870/71 erinnern, ebenso an die Behandlung des Ersten Weltkrieges und seiner Vorgeschichte. Die Weimarer Republik fand jedoch nur in Hinblick auf die "Dolchstoßlegende" oder in Verbindung mit der Geschichte der NSDAP, mit "Blutzeugen" wie etwa Horst Wessel und mit Hitlers Biographie Erwähnung. Als Schülerin entschädigten mich der Deutsch- und der Geschichtsunterricht jedoch für andere Fächer, denen ich mit Abneigung oder sogar mit gewissen Ängsten entgegensah. So verspürte ich keine Neigung zu den Naturwissenschaften Mathematik und Physik, und nachdem unser Mathematiklehrer Dr. Düring, der uns einige Jahre auch in Physik und Chemie unterrichtete, nicht mehr an unserer Schule war (er wurde 1941 an eine größere Schule in einer anderen Stadt versetzt), trat ab der sechsten Klasse der Oberschule Fräulein Bergholz an seine Stelle. Oft hatte ich Schwierigkeiten, dem von ihr dargebotenen Stoff zu folgen, was ich im Rückblick nicht nur auf meine mangelnde Begabung für diese Fächer, sondern auch auf ihre ungeeignete Methodik zurückführe, denn anderen Mitschülerinnen erging es bei ihr ebenso. So war dieser Lehrerwechsel in fachlicher Hinsicht für viele von uns kein Gewinn, allerdings wurde diese junge Lehrerin für meine Freundin Ellinor und mich zum Gegenstand heftiger Schwärmerei. Deshalb freuten wir uns auf ihre Stunden (obwohl besonders ich hier wenig verstand und mich oft langweilte), beobachteten sie ununterbrochen und himmelten sie an. Und wenn Fräulein Bergholz einmal außerhalb des Unterrichtes ein persönliches Wort an mich richtete, war ich oft so entsetzlich verlegen, daß ich kaum antworten konnte. In den Mathematikstunden, in denen Ellinor und ich an einem Tisch nebeneinander saßen, lasen wir manchmal gemeinsam heimlich unter der Bank Liebesgedichte, die für uns dann allein auf unsere Lehrerin gemünzt schienen, und verspürten sogleich Herzklopfen, wenn sie ein Lächeln für uns übrig hatte. Auf diese Weise war sie für uns ein ständiges Gesprächsthema. Dagegen litt ich unter der Art unserer späteren Biologielehrerin Studienassessorin Fräulein Gerda Albany und schätzte deshalb auch ihr Fach nicht besonders. In den ersten Jahren auf dem Lyzeum unterrichtete uns aber noch Fräulein Dr. Plagens, allerdings kann ich mich an ihren Biologieunterricht heute nicht mehr erinnern. Als Lehrerin blieb sie mir nur in Erinnerung, weil sie aus dem Schuldienst ausschied und heiratete, nämlich unseren Zahnarzt Dr. Haß, der vor seiner Ehe in der Marienstraße schräg gegenüber von unserem Geschäft wohnte (vielleicht im Hause des Drogisten Troike Marienstraße 5). An ihn wandte sich mein Vater öfter, wenn ihm bei unserem allwöchentlichen Fischessen eine Gräte im Hals steckengeblieben war. Meiner Mutter gelang es nur selten, ihn davon zu befreien, so daß er sich dann stets vertrauensvoll an den benachbarten Zahnarzt wandte, der den schmerzenden Essensrest auch prompt entfernte. Mit seiner Frau wohnte Dr. Haß später in einer Villa in der Wiesenstraße, wo ich mich im Vorübergehen bei Spaziergängen dann immer an meine ehemalige Lehrerin erinnerte. Ihre langjährige Nachfolgerin in Biologie war Fräulein Albany, die aus mir unerfindlichen Gründen einen Pik auf mich hatte. Da ich weder faul noch frech war, war ich mir keiner Schuld bewußt und fand ihr Verhalten deshalb sehr ungerecht. Ich ging stets mit unguten Gefühlen in ihren Unterricht und übertrug meine Abneigung auch auf ihr Fach. Erst viel später während meiner Lehrerausbildung nach dem Kriege erkannte ich, wieviele Kenntnisse ich aus ihrem Unterricht mitgebracht hatte, ganz besonders in Botanik. Fräulein Albany brachte damals zu jeder Stunde ein bis zwei Wildpflanzen aus Park, Garten oder vom Wegrande mit und besprach sie mit uns. Diese wurden in Reagenzgläser eingestellt und so bis zur nächsten Unterrichtsstunde aufbewahrt, damit wir das Gelernte dann wiederholen konnten.

Lehrer des Lyzeums auf dem Schulhof in Belgard
Unsere Lehrer an einer Bank auf dem Schulhof: Frl. Büttner, Frl. Albany,
Dr. Claus, Frl. Berkholz, Frl. Reichelt, Frl. Trepel, Frl. Barz, Frl. Wallis

Das Fach Leibeserziehung, zunächst bei Fräulein Annemarie Kraul (die bei meinen sportlicheren Mitschülerinnen sehr beliebt war) und später bei Fräulein Ilse Trepel, war mir als unsportlichem Menschen eine einzige Last. Vor allem beim Geräteturnen versagte ich völlig, hatte auch für die Mannschaftsspiele wie Schlagball, Brennball, Völkerball und Handball nichts übrig. So ließ ich mir von meiner gutmütigen Mutter öfter einen Entschuldigungszettel schreiben. Zudem hatte ich während des Sportunterrichtes im Alter von vielleicht elf oder zwölf Jahren beim Training zum Schlagballweitwurf einen Unfall, wobei mir eine Mitschülerin beim Ausholen nach hinten mit dem Arm ins Auge schlug. Mein Auge blutete stark und Fräulein Kraul schickte mich in Begleitung einer Klassenkameradin zu Dr. Mielke, der seine Praxis an der Leitznitzpromenade ganz in der Nähe des Sportplatzes hatte. Nachdem er mich untersucht und mir einen Verband angelegt hatte, riet er mir, umgehend einen Augenarzt aufzusuchen, da er befürchtete, daß Tränendrüse oder Tränenkanal in Mitleidenschaft gezogen sein könnten. Meine Mutter war sehr besorgt und so fuhren wir schließlich gemeinsam mit der Bahn nach Berlin, das man damals von Belgard aus in weniger als fünf Stunden Fahrzeit erreichte und wo wir wie schon oft zuvor bei Onkel Walter Fraedrich wohnten, der in der Stresemannstraße in der Nähe des Anhalterbahnhofes Wohnung und Kanzlei hatte. In der Charité wurden nach eingehender Untersuchung und einer Spülung meines Auges keine bleibenden Schäden festgestellt, und so war ich mit einem Bluterguß, das heißt im wahrsten Sinne des Wortes "mit einem blauen Auge" davongekommen. In Hinblick auf den Sportunterricht erschien mir einzig das Schwimmen im Sommer in der Badeanstalt am Poetensteig erträglich, ja machte mir manchmal sogar Freude. Weder zu Fräulein Kraul noch zu Fräulein Trepel entwickelte sich für mich ein persönliches Verhältnis. Fräulein Trepel traf ich auf einem unserer Klassentreffen (vielleicht in den achtziger Jahren) wieder und hatte mit ihr ein nettes, ausführliches Gespräch, in dem ich auch meine früheren Ängste erwähnte. Fräulein Elfriede Barz, die wohl mit Fräulein Trepel befreundet war - man sah sie jedenfalls oft zusammen - unterrichtete uns in den Fächern Kochen, Ernährungslehre, Handarbeit und Gartenbau, welche einschließlich Gesundheitslehre und Säuglingspflege die Schwerpunkte für den hauswirtschaftlichen Teil unserer Schulform bildeten. Bis schließlich im Keller unserer Schule eine schöne Lehrküche ausgebaut wurde, fand der Kochunterricht u.a. in der Schulküche der Hindenburgschule statt und wurde später in die hauswirtschaftliche Beratungsstelle am Anfang der Hindenburgstraße verlegt. Innerhalb der vierstündigen Unterrichtseinheit "Hauswirtschaft" erfolgte die Unterweisung in Ernährungslehre und weiteren hauswirtschaftlichen Themen wie etwa Haus- und Wäschepflege meist vor dem praktischen Kochunterricht. Die hier verwendeten Lebensmittel erhielt die Schule während des Krieges über Bezugscheine oder Lebensmittelkarten. Dabei waren bestimmte Geschäfte für den Einkauf vorgesehen, die Einkäufe wurden jeweils wechselnd durch zwei von uns Schülerinnen besorgt. In der Schulküche wurden wir von Fräulein Barz in Gruppen eingeteilt und die Zubereitung der Speisen ausführlich besprochen. So standen dann an jedem Herd vier Schülerinnen, die gemeinsam kochten, brieten und backten - und selbst den Kuchen und das Weihnachtsgebäck nach Kriegsrezepten zubereiten mußten. Die Gerichte waren von unserer Lehrerin vorgegeben, so daß alle Gruppen die gleichen Speisen für ein gemeinsames Essen kochten (wobei wir die verschiedenen Aufgaben innerhalb unserer Gruppe selbst verteilen konnten). Danach deckten wir unter Anleitung von Fräulein Barz einen großen Tisch im hinteren Teil der Schulküche, nahmen - mit ihr am Kopfende - an der langen Tafel Platz und genossen die selbst gekochte Mahlzeit. Von den nach Kriegsrezepten zubereiteten Gerichten habe ich auch einige zu Hause hergestellt, so zum Beispiel die nicht nur bei uns beliebte, wohlschmeckende Kartoffeltorte (mit etwas Mehl und viel gekochten Kartoffeln, darauf Marmelade und gekrümelter Teig als Streuselersatz). Anläßlich der Vorbesprechung zum Backen eines Hefekuchens konnte ich auch einmal Fräulein Barz in Erstaunen versetzen, als ich das Verfahren meiner Großmutter Elfriede Alverdes erwähnte, den Hefeteig in kaltem Wasser statt in der Wärme "gehen" zu lassen. Dabei wurde der Teig in eine große Serviette eingeknotet, um dann zum "Gehen" in einen Eimer mit kaltem Wasser versenkt zu werden, bis sich das Ganze nach vielleicht einer Stunde gedreht hatte und der Knoten nun oben war. Obgleich ich betonte, dies schon mehrfach selbst beobachtet zu haben, erschienen Fräulein Barz meine Erzählungen völlig unglaubwürdig, denn für sie konnte ein Hefeteig ohne Wärme nicht gelingen. Für den Handarbeitsunterricht stand im ersten Stock unserer Schule ein entsprechender Raum zur Verfügung. Da wir uns während der praktischen Arbeit unterhalten durften, war es hier außer bei den theoretischen Unterweisungen oft recht laut. Ich erinnere mich besonders an Strickarbeiten mit selbstentworfenen Mustern für einen Pullover, eine Mütze und Fausthandschuhen, sowie Stickereien (Durchbruch, Hohlsaum) an einer Bluse und an die Anfertigung eines mit der Nähmaschine genähten Kleides. Dieses Kleid bereitete mir besondere Schwierigkeiten und so hatte ich lange vermieden, es im Verlauf der Arbeit Fräulein Barz zu zeigen, besonders weil ich es im Schnitt geändert hatte. Schließlich bestand sie darauf, daß ich ihr das Kleid anläßlich eines Besuches unseres Direktors Dr. Claus in unserem Handarbeitsraum endlich vorführen sollte. Jedoch hatte ich das Kleid an diesem Tag natürlich "vergessen", wurde aber postwendend nach Hause geschickt, um es zu holen. Durch einige Verzögerungen unterwegs erreichte ich wenigstens, daß der Besuch des Direktors schon vor meiner Rückkehr beendet war und so das "Unglückskleid" nur noch Fräulein Barz unter die Augen kam - und wider meine Erwartung dann doch noch ihre Gnade fand. Die theoretische und praktische Unterweisung in Säuglingspflege erfolgte durch unsere Biologielehrerin Fräulein Albany und fand im Biologieraum unserer Schule statt. Bei den praktischen Übungen bedienten wir uns einer Puppe. Diese Unterrichtseinheit diente als Vorbereitung auch für unser erstes Praktikum, das ich im Sommer 1942 im Säuglingsheim der evangelischen Diakonissenanstalt "Salem" am Fuße des Gollen in Köslin ableistete. Im Fach Gartenbau, das bei uns im Jahre 1941 oder 1942 auf dem Stundenplan gestanden haben muß, unterrichtete uns wiederum Fräulein Barz. So gingen wir im Frühjahr und Sommer vielleicht einmal pro Woche zum Schulgarten, der fünf Minuten von unserem Schulgebäude entfernt an der Luisenstraße Ecke Wilhelmstraße gegenüber dem Haus meiner früheren Freundin Annemarie Krüger lag. Er war erst einige Jahre zuvor in der Nachbarschaft des Sägewerkes Dallmann angelegt worden und umfaßte einige Beete, die von uns Schülerinnen mit Gemüse bestellt wurden. Jedoch war die Fläche für eine Klasse insgesamt viel zu klein, nur wenige von uns konnten auf den Beeten auch tatsächlich mit Hacke und Spaten arbeiten, die übrigen mußten zusehen. So habe auch ich oft gelangweilt danebengestanden und mich mit Klassenkameradinnen unterhalten. Vielleicht haben wir dort Mohrrüben und Spinat gesät, die dann von uns im Kochunterricht in der Schulküche verarbeitet wurden. An entsprechende theoretische Unterweisungen kann ich mich heute nicht mehr erinnern, Fräulein Barz begleitete uns damals lediglich auf dem Weg dorthin und gab uns im Schulgarten die erforderlichen Arbeitsanweisungen. Fräulein Wallis, eine ältere Lehrerin, die schon viele Jahre am Lyzeum unterrichtet hatte, erteilte bei uns in den ersten zwei Jahren evangelischen Religionsunterricht. Ich hatte ihre Gunst verloren, als ich veranlaßt durch eine Bemerkung meiner Banknachbarin den Unterricht mit einem Lachanfall störte. Als das Lyzeum dann 1939 in eine Oberschule für Mädchen (hauswirtschaftliche Form) umgewandelt und schließlich Anfang des Krieges das Fach Religion aus dem Lehrplan gestrichen wurde, unterrichtete sie uns ab der Oberstufe (Sommer 1941) in dem neuen Fach Beschäftigungslehre. Neben dem Umgang mit Kindern und der Beschäftigung größerer Gruppen (z.B. in Kindergärten, bei Kinderfesten usw.) wollte sie uns wohl auch Grundzüge der Psychologie nahebringen. Wir konnten mit dem von ihr verwendeten Fachjargon jedoch nur wenig anfangen, und auch von den Schülerinnen der nächsthöheren Klasse, mit denen wir gemeinsam unterrichtet wurden, dabei keine Hilfe erwarten. Allerdings glaube ich nicht, daß wir dieses Fach die gesamte Oberstufe hindurch hatten, sondern vielleicht nur für ein oder zwei Jahre, wobei der Stoff bei mir zudem nur wenige, konfuse Eindrücke hinterließ.

Herr Utech bei einer
Zeichenstunde im Freien
Der Zeichen- und Kunstunterricht war geprägt von der Person unseres damaligen Lehrers, des von uns allen verehrten Belgarder Bildhauers und Studienrates Joachim Utech (1889-1960). Er stammte aus einer alten Belgarder Familie, die seit mehreren Generationen als Baumeister in Belgard gewirkt hatte. Nach Erinnerung meines Vaters war auch unser Haus in der Marienstraße Ende des 19. Jahrhunderts von Utechs Großvater Wilhelm erbaut worden, der dem Enkel, wie ich später in seinen Erinnerungen las, wohl die Neigung zur Bildhauerei vererbt hatte. Die meisten Belgarder, die in Bezug auf Kunst doch recht konservativ eingestellt waren, betrachteten Utech wohl als Außenseiter. So fand seine nach eigenen Entwürfen in den zwanziger Jahren gebaute Villa am Mükepark oder die Flora, eine Skulptur in der Steingartenanlage hinter dem Schwimmbad, aber auch die von einem weiteren berühmten Sohn Belgards, dem Architekten und Stadtplaner Prof. Dr. Ing. Hans Bernhard Reichow in den Jahren 1928/29 errichtete Reihenhaussiedlung an der Polziner Straße, wenig Gnade vor ihnen. Er aber zeigte uns bei einem Lehrgang zu diesen Siedlungshäusern, daß hier etwas Modernes, der Zeit Angemessenes entstanden war, das man erheblich positiver betrachten konnte als es unsere Eltern taten. Im Kunstunterricht der Oberstufe öffnete er uns die Augen für die Malerei und die bildende Kunst des 20. Jahrhunderts, wobei er bei der Auswahl der Werke und Künstler manchmal wohl auch die Grenzen überschritt, die im Nationalsozialismus allein schon durch die Lehrpläne vorgegeben waren (wobei der Schwerpunkt unserer gemeinsamen Betrachtungen jedoch auf der klassischen Antike und dem 19. Jahrhundert lag). Obgleich ich beim Zeichnen und Malen nur den Minimalanforderungen genügen konnte, beeindruckten mich die kunstgeschichtlichen Betrachtungen und Erläuterungen tief, die er uns zuteil werden ließ. Auch zeigten nicht alle Lehrer so viel und Großzügigkeit wie er. Manchmal, wenn wir zum Zeichnen nach draußen gingen und mir das Thema bzw. das zu zeichnende Motiv nicht zusagte, drückte ich Annemarie mein Klappstühlchen, das ich wie alle anderen im Freien dabei hatte, in die Hand und ging nach Hause. Herrn Utechs Großzügigkeit ging so weit, daß er eine Entfernung von uns Schülerinnen während einer solchen Unterrichtsstunde im Freien stillschweigend tolerierte. Es kamen danach von seiner Seite weder Mahnungen noch Fragen nach den Gründen. Bei einem dieser Spaziergänge zum Zeichnen im Freien ließ er sich mit meiner Klasse einmal in der Marienstraße vor unserem Haus nieder, um den Blick auf das Alte Rathaus festzuhalten. Mein Vater, der aus dem Laden gekommen war, beobachtete Herrn Utech, wie er mit rascher Hand eine Skizze auf das Papier warf und erbat sich diese Zeichnung von ihm. In der nächsten Zeichenstunde gab mir Herr Utech dann eine ganze Mappe voller Skizzen (Bleistift mit Buntstift) für meinen Vater mit. Ich entsinne mich an Ansichten vom Alten und vom Neuen Rathaus, vom Hohen Tor, von Partien an der Stadtmauer, vom Strillengang. Auch diese Skizzen des Künstlers mußten wir bei unserer Vertreibung aus Belgard im Januar 1946 zurücklassen. Was wohl aus ihnen geworden sein mag....

Unser Musiklehrer
Hans Rogausch
Der Musikunterricht fand bei uns in der Aula statt, in der auch ein Flügel stand. An unseren frühen Musiklehrer Herrn Freude habe ich nur wenige Erinnerungen, desto mehr aber an Hans ("Hänschen") Rogausch, der uns ab Ende der dreißiger Jahre musikalisch betreute. Er war ein junger, musikbegeisterter, uns Schülerinnen gegenüber sehr großzügiger Lehrer, der vielen von uns, obwohl vom Äußeren her nicht besonders attraktiv, durch sein sympathisches Wesen Anlaß zu mädchenhaftem Schwärmen gab. Nicht nur für mich waren es schöne Stunden, wenn wir gemeinsam sangen oder von ihm in große Werke der Musikgeschichte eingeführt wurden, so zum Beispiel in "Der Freischütz" und "Die Zauberflöte", oder auch "Das Rheingold" und "Die Walküre" aus "Der Ring des Nibelungen", wobei er uns die Themen auf dem Klavier vorspielte, wir die Texte lasen und die Musik von Schallplatte hörten (dennoch gelang es ihm nicht, mir meine Abneigung gegen Wagners Musik zu nehmen). In der Notenlehre hatte ich Defizite, denn ich spielte kein Instrument, und hatte somit auch keine Gelegenheit, mich außerhalb des Musikunterrichtes mit Noten zu beschäftigen. In den Chorstunden sangen wir überwiegend Volks- und Kunstlieder, aber auch Lieder aus Opern. Zu unseren schönsten Stücken, die wir auch noch im vorgerückten Alter bei Klassentreffen anstimmten, gehörte das Lied der drei Knaben "Bald prangt den Morgen zu verkünden" aus der Zauberflöte. Auch heute noch fallen mir immer wieder Lieder ein, die wir damals gesungen haben, etwa "Ännchen von Tharau", "Wem Gott will rechte Gunst erweisen", "Komm lieber Mai", "Nun will der Lenz uns grüßen", "Hab oft im Kreise der Lieben", "In dunkler Nacht, zur ersten Wacht", "Alle Birken grünen in Moor und Heid" oder Wiegenlieder wie "Schlafe mein Prinzchen schlafe ein", "Guten Abend, gute Nacht", "Schlafe, schlafe holder süßer Knabe" - jedoch auch nationalsozialistisches Liedgut gehörte damals zu unserem Repertoire. Als ich erfuhr, daß Herr Rogausch privaten Nachhilfeunterricht in Mathematik erteilte, überzeugte ich meine Mutter, daß ich in diesem Fach Unterstützung benötigte. Meine lediglich "ausreichenden" Leistungen in Mathematik (Note 4) gaben hier den gewünschten Anlaß, und ich meldete mich bei dem angeschwärmten Lehrer als Nachhilfeschülerin an. Leider erwiesen sich diese Stunden, die in seiner Wohnung im Haus von Kaufmann Krüger Ecke Pankniner Straße / Luisenstraße direkt gegenüber von unserer Schule stattfanden, als ziemlich langweilig, denn nach kurzen Erklärungen überließ er mir die gestellten Aufgaben und verschwand regelmäßig im Nebenzimmer, um nach einiger Zeit wiederzukehren und die Lösungen zu überprüfen. Auch hatte diese mehrere Monate andauernde Förderung keine positive Auswirkung auf meine Noten bei Fräulein Berkholz, unserer Mathematiklehrerin. Auf dem Schulhof sahen wir Herrn Rogausch in den Pausen häufig mit unserer Biologielehrerin Fräulein Albany zusammenstehen und waren schließlich etwas enttäuscht, als wir hörten, daß er eine Freundin (vielleicht war sie auch seine Verlobte) in Schivelbein hatte. Bald darauf heiratete er. Der bei uns Schülerinnen sehr beliebte Lehrer wurde nach den ersten Kriegsjahren doch noch zur deutschen Wehrmacht eingezogen (vielleicht 1943); auch er besuchte uns wieder bei Klassentreffen nach dem Kriege. Ob wir von seiner Einberufung bis zu unserer Abiturprüfung im Januar / Februar 1944 weiterhin Musikunterricht hatten, kann ich heute nicht mehr sagen.

Mit Fräulein Büttner In der vierten
Klasse der Oberschule 1940
Studienrätin Fräulein Gertrud Ellmann war, wenn ich mich recht erinnere, während der ersten Jahre auf dem Lyzeum unsere Klassenlehrerin und unterrichtete uns in Französisch, unserer ersten Fremdsprache, und später auch in unserer zweiten Fremdsprache Englisch. Sie bedauerte sehr, daß das Fach Französisch vielleicht nach dem dritten Jahr vom Lehrplan verschwand, weil für uns in Hinblick auf die hauswirtschaftliche Ausrichtung unserer Schule eine Fremdsprache, und das war dann Englisch, genügen sollte. Sie bot aber den interessierten Schülerinnen wöchentlich ein bis zwei Stunden freiwilligen Französischunterricht, an dem auch ich gerne teilnahm. Allerdings bestand dieses Angebot nicht sehr lange. An die Französischstunden habe ich viel mehr Erinnerungen als an den Englischunterricht - hier fällt mir nur noch die gemeinsame Lektüre des Dramas "Julius Caesar" von William Shakespeare ein - und ich denke noch heute gerne an die französischen Märchen und Lieder sowie an eine Lektüre etwa von Prosper Mérimée (Mateo Falcone) zurück, deren Handlung in der Macchia auf Korsika spielte. Fräulein Ellmann war mit meiner Mutter bekannt, sie sprachen wohl auch manchmal über mich. Sie hielt mich für den Lehrerberuf geeignet, was ich selbst unmöglich fand und damals keinesfalls wollte, zum Teil auch deshalb, weil ich ihre Schwierigkeiten in Bezug auf Disziplin kannte. Nach der schriftlichen Abiturprüfung verriet sie meiner Mutter, daß mein Deutschaufsatz sehr gut bewertet worden war. Ich habe mich in ihren Stunden immer wohl gefühlt und auch bei Versagen keine Ängste gehabt. Als wir einmal in Englisch als Klassenarbeit eine Nacherzählung zu schreiben hatten, saß neben mir Christel Ristow, eine Leuchte in Englisch, und hinter mir Cordula Uckeley. Wir drei hatten eine Passage in völlig gleichem Wortlaut geschrieben, auch mit derselben falschen Wendung ("go off", wo es aber "went on" heißen mußte). Für Fräulein Ellmann war es ganz klar, daß Cordula und ich von Christel abgeschrieben hatten, wir bekamen deshalb eine 5 (oder war es eine 6?). Christel aber wußte natürlich, daß sie von mir abgeschrieben hatte, und wurde von ihren Gefühlen hin- und herrissen, die sie einerseits antrieben, Fräulein Ellmann die Situation zu erklären und dadurch eine schlechte Note zu erhalten, und andererseits von der Angst vor einer häuslichen Katastrophe durch ihren strengen Vater, der in dem kleinen Dorf Ristow bei Belgard Lehrer war. Nachdem unsere Klassenkameradinnen davon erfahren hatten, bedrängten sie Christel, die Angelegenheit bei Fräulein Ellmann richtigzustellen. Christel heulte ganz furchtbar und wir anderen heulten mit, die Tränen flossen auch dann noch, als wir mit unseren Fahrrädern den Poetensteig entlang zum Schwimmbad fuhren, in das unsere Turnstunde verlegt worden war. Nach der Schwimmstunde gingen wir gemeinsam zu Fräulein Ellmann und Christel erzählte den wahren Hergang. "Trudchen" Ellmann aber wollte das so nicht glauben, sondern lobte Christel wegen ihres kameradschaftlichen Verhalten, mit dem sie die Schuld auf sich nehmen wolle und schickte uns unverrichteter Dinge fort. Ich tröstete die heulende Christel und erklärte ihr, daß ich mit meinen Eltern wegen einer schlechten Note keine Probleme bekäme, und daß wir die Sache ruhen lassen sollten. Danach blieb bei mir jedoch ein kleiner Stachel gegen Fräulein Ellmann zurück.

Mit Schulfreundinnen im Mükepark
Nach Annemarie Krüger aus der Wilhelmstraße war mir meine Mitschülerin Christel Ristow über einige Jahre eine enge Freundin. "Christel Ristow aus Ristow am Ristower See" war die Tochter des Lehrers Paul Ristow im Dörfchen Ristow in der Nähe des Ristower Sees etwa 7 km südlich von Belgard. Sie war Fahrschülerin, kam morgens und fuhr meistens auch mittags mit dem Postbus nach Hause; manchmal holte ihr Vater sie mittags mit dem Auto, einem Opel, ab. Etwas seltener kam sie zu uns, ich aber fuhr mehrmals mit nach Ristow, wo wir uns im Schulhaus, im Garten und an der vorbeifließenden Persante beschäftigten. Als wir etwas älter waren, versuchten wir uns in ihrem Mansardenzimmer zu schminken, wobei das "Erdbeerrot", das Frau Ristow beim Einmachen von Erdbeeren verwendete, den Lippenstift ersetzen mußte. Christel spielte schön Klavier und führte mir auch einmal einen Klavier spielenden Bauernsohn aus Ristow vor, der sichtlich für sie schwärmte. Unsere Gespräche und Unternehmungen spielten sich hauptsächlich in Schulpausen und nach dem Unterricht ab, zum Beispiel wenn sie auf den Bus wartete. Christel war ein hübsches und intelligentes Mädchen, leistungsstark und ehrgeizig. Sie war damals schon weiter entwickelt und ich konnte ihr Interesse an Jungen und Männern mit ihr nicht teilen. Nach der Einberufung ihres Vaters zur Wehrmacht Anfang der vierziger Jahre zog ihre Mutter mit ihr nach Belgard, wo sie ein Zimmer in der Lindenstraße bewohnten. In dieser Zeit kam ich nur noch selten mit ihr zusammen, weil ich damals schon mit Ellinor Gneist und Marie-Luise Beilfuß befreundet war. Näheren Kontakt bekam ich mit ihr erst
Christel Ristow
wieder, als wir 1943 gemeinsam mit weiteren Mitschülerinnen eine Gruppe von jungen Soldaten, die von der Front abkommandiert waren und in der Belgarder von-Scholtz-Kaserne einen ROB-Lehrgang machten, kennenlernten und uns mit ihnen regelmäßig trafen. Als ich 1946 nach der Vertreibung aus der Heimat in die DDR kam, erfuhr ich brieflich von anderen ehemaligen Klassenkameradinnen, daß Christel bereits 1945 in Greifswald an Typhus verstorben war. Das war für mich der erste Verlust eines jüngeren Menschen, der mir einmal nahegestanden hatte.

Unser 10-jähriges
Schuljubiläum 1942
Auf welche Weise sich in meinen Jahren auf dem Lyzeum ein enger Kontakt, ja eine Freundschaft zu Ellinor Gneist ergab, weiß ich heute nicht mehr. Sie stammte aus Groß Tychow, wo ihr Vater die Molkerei leitete, hatte zunächst ein Gymnasium in Köslin mit Latein als erster Fremdsprache besucht und kam in der Quinta zu uns auf die Schule nach Belgard, weil die Eltern ihr das abendliche Heimkommen ermöglichen wollten, denn das Leben sechs Tage die Woche in einem Pensionat konnte dem sensiblen Kind auf Dauer nicht zugemutet werden. So kam sie täglich mit einigen anderen Schülerinnen aus Groß Tychow mit der Bahn nach Belgard, wo in unserer Schule ein Klassenraum als Aufenthaltsraum für die Fahrschülerinnen eingerichtet war. Wahrscheinlich war unsere Liebe zur Literatur und hier besonders zur Lyrik der Anlaß, daß wir aufeinander zugingen. Die musikalische Ellinor hatte bereits eine Freundschaft zu Marie-Luise Beilfuß (genannt Marli) aufgebaut; beide fühlten sich durch ihr Klavierspielen sehr verbunden. Zu diesem Duo stieß nun ich, wobei die Beziehung zu Ellinor immer die intensivere war und blieb. Ich hörte sie sehr gern Mozart spielen, mein Lieblingsstück und spezieller Wunsch war meistens ein Satz mit dem Thema "Alla Turca" aus der A-Dur-Sonate. Bei einem Besuch mit Übernachtung in Groß Tychow wurden dann all meine Musikwünsche erfüllt. Auf dem Klavier in unserem Haus in der Marienstraße war das nicht möglich, denn meine Mutter spielte nur noch in der Adventszeit einige Weihnachtslieder für uns und zudem war das Instrument, wie Mutti sagte, recht verstimmt. Und ich selbst war trotz des Drängens meiner Mutter nicht bereit, Klavierspielen zu lernen, weil ich mich für vollkommen unmusikalisch hielt. Ellinor war insgesamt eher ernst und zurückhaltend, konnte aber auch sehr fröhlich und albern sein. Ihre Äußerungen zu Literatur und Philosophie im Deutschunterricht bei Fräulein Büttner kamen mir oft vor, als ob ich sie selbst getan hätte. Ellinor übernachtete öfter bei uns, sei es wegen unserer gemeinsamen Teilnahme an einem Konzert in der von-Scholtz-Kaserne mit Uwe Hoelscher, einem damals schon sehr bekannten Cellisten, einem Kirchenkonzert unter der Leitung von Kantor Reichelt mit Frau Beilfuß, der Mutter von Marli, als Solistin (Sopran), unserer gemeinsamen Arbeit beim "Kartoffelracken" bei einem Belgarder Ackerbürger in der Friedrichstraße im Rahmen eines Kriegseinsatzes im Herbst 1943 und zuletzt anläßlich der Treffen mit den jungen Soldaten aus dem Reserveoffiziersbewerber-Lehrgang, die fast immer in unserer Wohnung in der Marienstraße stattfanden. Ellinor schlief dann im Zimmer von Omi Frieda Alverdes, die bereits in den ersten Kriegsjahren wegen ihres Rheumaleidens in ein anderes Zimmer unserer Wohnung umquartiert worden war. Nach dem Abitur standen wir während Ellinors Arbeitsdienstzeit in Briefwechsel, so daß ich aus ihren Schilderungen entnehmen konnte, daß sie an ihrem Einsatzort, einem entfernten pommerschen Dörfchen, durch die schwere körperliche Landarbeit gesundheitliche Probleme bekommen hatte und deshalb als "Schulhelferin" in einer Landschule eingesetzt war. Durch das Kriegsende wurden wir getrennt, wobei sie nach Ende des Krieges und ihrer Entlassung aus dem Arbeitsdienst in die sowjetische Besatzungszone nach Jena zu einer Tante oder Freundin ihrer Mutter kam. Von dort aus besuchte sie uns in Halle an der Saale. Nachdem sie später die Adresse ihrer Mutter in Westdeutschland gefunden hatte, übersiedelte sie Ende der vierziger Jahre zu ihr nach Hannover. Zu meiner Freude sah ich sie noch öfter bei Klassentreffen, an denen auch ich seit den siebziger Jahren teilnahm. Denn nach dem Kriege fanden sich sehr schnell einige aus unserer Klasse zusammen, die in Westdeutschland eine neue Heimat gefunden hatten und sich dort regelmäßig trafen. Die Treffen fanden zunächst noch unorganisiert statt, und bereits in den ersten Nachkriegsjahren wurde ein Klassenrundbrief ins Leben gerufen, der uns über viele Jahrzehnte bis heute begleitet hat und auch die ehemaligen Mitschülerinnen in der DDR erreichte (das waren Hannelore Piper in Naunhof, Cordula Uckeley in Ost-Berlin und ich selbst in Halle an der Saale). Nachdem ich im Jahre 1955 von einem Besuch bei meiner Tante in Westdeutschland nicht mehr in die DDR zurückkehrt war, in der Bundesrepublik geheiratet und eine Familie gegründet hatte, stieß auch ich zu meinen Klassenschwestern dazu und sah sie so alle wieder - einschließlich unserer Lehrer Fräulein Büttner, Fräulein Ellmann, Fräulein Kraul, Herr Rogausch, Fräulein Trepel und Fräulein Barz, die an den Klassentreffen teilweise noch bis in die achtziger Jahre hinein teilnahmen. Dabei wurden die Treffen von uns reihum an den jeweiligen Wohnorten der Teilnehmerinnen organisiert (so etwa 1998 von mir in Wiesbaden), nach der Jahrtausendwende übernahm schließlich meine Klassenkameradin Bärbel Haverland geb. Dumjahn diese Aufgabe, sodaß wir uns jedes Jahr im Hotel Peter in Veckerhagen trafen, das sie schon zuvor mit verschiedenen anderen Gruppen besucht hatte. Aufgrund seiner herrlichen Lage an der Weser, den sympathischen Besitzern und der guten Unterbringung fühlten wir uns diesem Ort schon bald sehr verbunden, was auch immer wieder zur angenehmen Atmosphäre während unseres dreitägigen Zusammenseins beitrug.

Auf einem Schulausflug bei Boissin
Meine Begleiterin auf dem morgendlichen Schulweg zum Lyzeum war Susi Dreyer, die Tochter des Inhabers eines Textilgeschäftes an der Ecke Torstraße / Marienstraße unweit unseres Hauses. Ich klingelte morgens bei ihr "lang, kurz, kurz" und wartete vor der Haustür auf sie. Manchmal erschien sie noch nicht ganz fertig für die Schule auf dem Balkon, in der Hand das Frühstücksbrötchen von Bäcker Papke in der Torstraße nebenan und rief mir zu: "Lorchen, geh' doch schon vor; ich komme gleich nach!" Und die sportliche Susi holte mich in der Ritterstraße oder in der Jägerstraße so schnell ein, daß wir noch manches besprechen oder austauschen konnten, bevor wir die Oberschule am Mükepark / Ecke Luisenstraße erreichten, so zum Beispiel über Arbeiten, Noten, Lehrer, und im Winter 1943/44 natürlich auch über die Angst vor der bevorstehenden Abiturprüfung. In den letzten Wochen davor war die erste Frage immer: "Hast Du gestern viel gearbeitet?" Und meistens bestand die Antwort darauf aus Erklärungen, daß man durch so viel anderes, das man noch unbedingt vorher tun "mußte", wieder einmal davon abgehalten worden war. Für uns beide war dann ein kleiner Trost, daß es der jeweils anderen genauso ergangen war. Einige Male war ich bei Susi in der Wohnung ihrer Eltern, einer wirklichen Beletage im ersten Stock über dem Geschäft, und staunte dort über den großzügigen Stil dieses schönen Gebäudes, das auch im Inneren durch die hintereinander liegenden, durch Flügeltüren verbundenen großzügigen Zimmer den Eindruck eines kleinen städtischen Patrizierhauses erweckte. Der Clou des Hauses war das Türmchen, das an der Ecke der Torstraße / Marienstraße das Dach krönte und in dem Susi ihr Reich hatte - allerdings nur im Sommer, denn dieses "Turmzimmer" war nicht beheizbar. Leider habe ich das Türmchen immer nur von außen bewundern können. Unsere beiden Mütter wollten wohl, daß Susi und ich richtige Freundinnen würden, aber wir waren zu verschieden, als daß wir auf die Dauer wirklich etwas miteinander anfangen konnten. Wenn ich zu Hause sagte, daß ich zu meiner Freundin Annemie gehen wollte, um zusammen Schularbeiten zu machen, in Wirklichkeit aber ins Kino strebte, meinte meine Mutter oft, daß ich die Arbeit ja auch bei Susi machen könne. Da Dreyers jedoch wie wir Telefon hatten, war mir die Ausrede mit Annemarie Krüger sicherer, weil ihre Eltern keinen Telefonanschluß hatten. Susi holte auch öfter bei uns in den Bierstuben in einem Siphon frischgezapftes Bier (Dortmunder Union) für ihren Vater. Einige Male begegnete sie dabei meinem Urgroßvater Karl Fraedrich, der auf dem Bürgersteig der Marienstraße seinen kleinen Spaziergang machte. Wie sie mir später erzählte, war sie damals von der Sicherheit des blinden Mannes beeindruckt, die ihr ebenso ungewöhnlich erschien wie das schwarze Käppchen, mit dem sie ihn manchmal bei uns im Hof auf der Galerie sitzen sah und das er nicht nur im Hause, sondern bei gutem Wetter auch auf der Straße trug.

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Auch wir mußten für das
Winterhilfswerk sammeln
Während der Schulzeit war ich wie alle Mädchen meines Jahrganges bei den Jungmädeln (JM) und dann ab dem Alter von 14 Jahren im Bund deutscher Mädel (BDM). Ich erinnere mich hier vor allem an langatmige politische Schulungen, den Einsatz bei Straßensammlungen für das Winterhilfswerk (WHW) oder an den von mir gehaßten Sport. Denn ich war im Gegensatz zu vielen meiner Mitschülerinnen ausgesprochen unsportlich, auch die wöchentlichen Heimabende waren zum größten Teil sehr langweilig und bei den Straßensammlungen stand mir meine Schüchternheit im Wege. Einzig die Heimabende in der Jungmädelzeit, bei denen viel gebastelt wurde, stießen bei mir auf Interesse. Dort standen Laubsäge- und Klebearbeiten bei der Anfertigung von Kinderspielzeug, etwa für bedürftige Familien, für das WHW oder die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt (NSV), im Mittelpunkt. Dabei hatten wir unser Heim vorübergehend (vielleicht für ein Jahr) auch im Oberstock des Hohen Tors unweit meines Elternhauses. Zu meiner BDM-Zeit glich der Dienst dann eher einer "Massenveranstaltung", die im Zeichensaal unserer Schule stattfand, wo mehrere "Schar"-Gruppen zusammenkamen, um gemeinsam indoktriniert zu werden. Zusammen mit meiner Klassenkameradin Hannelore Piper, mit der ich zu einer Schar gehörte und bei derartigen Veranstaltungen meistens gemeinsam in der letzten Reihe saß, verdrückte ich mich häufig - etwa wenn die Vorträge und das Liedersingen kein Ende nehmen wollte - in den nahegelegenen Mükepark und dann langsam nach Hause, so daß unsere Eltern keinen Verdacht schöpfen konnten. Als Schülerinnen einer höheren Schule sollten wir möglichst alle Jungmädel-Führerinnen für die unteren Jahrgänge werden. Ich erinnere mich, daß eines Tages eine höhere BDM-Führerin bei uns in der Klasse erschien und sich nach dem Stand der Dinge erkundigte. Dabei stellte sich heraus, daß - im Gegensatz zu mir selbst - viele meiner Klassenkameradinnen bereits JM-Führerinnen waren. Die Gründe für meine Verweigerung lagen jedoch weniger in einer grundsätzlichen Ablehnung dieser Jugendorganisation, sondern in meinem Widerwille gegen den allgegenwärtigen Sport und den äußerst langweiligen Dienst, sowie in meiner Unfähigkeit andere "anzuführen", so daß mich hier u.a. wieder meine Introvertiertheit vor der Übernahme derartiger Funktionen zurückschrecken ließ. Auch im Radio hörte man in den Nachrichten, Kommentaren und den Übertragungen von Großveranstaltungen ausschließlich Lobpreisungen unseres Führers, seiner treuen Vasallen und unserer siegreichen Wehrmacht - selbst noch in den letzten Monaten des Krieges. In der Mittagszeit hatte im Großdeutschen Rundfunk Chefkommentator Hans Fritsche das Wort, dessen Polemik sich gegen eine feindliche Welt richtete, die Deutschland umgab und auch die Feinde im Inneren nicht aussparte. Weiterhin kann ich mich an die Radioübertragung einer Rede von Adolf Hitler in unserer Schule erinnern, wobei sich alle Klassen in der Aula versammeln mußten. Im Unterricht durchzog die nationalsozialistische Ideologie sämtliche Fächer, vor allem Deutsch, Geschichte und Biologie (Vererbungslehre, Rassenkunde) waren hiervon betroffen, aber auch Erdkunde mit geopolitischen Themen, Hauswirtschaftslehre und Chemie mit Bezügen zur angestrebten Autarkie Deutschlands, oder Englisch mit eigens für den Sprachunterricht aufgelegten englischsprachigen Propagandazeitungen. Hatte zu Beginn meiner Oberschulzeit im Jahre 1936 die Woche noch für alle Schüler mit einer religiösen Andacht in der Aula begonnen, so wurde diese bald durch Worte des Führers und nationalsozialistisches Liedgut bzw. durch einen entsprechenden Fahnenappell auf dem Schulhof abgelöst. Bereits kurz nach der Machtübernahme 1933 wurde uns der sogenannte Eintopfsonntag beschert: Während des Winterhalbjahres sollte an jedem ersten Sonntag des Monats statt eines aufwendigen Sonntagsessens in allen Haushalten ein einfaches Eintopfgericht auf den Tisch kommen, das nicht mehr als 50 Pfennig kosten durfte. Das hierdurch eingesparte Geld sollte dem WHW (Winterhilfswerk) gespendet werden und auf diese Weise Bedürftigen zu Gute kommen. Die Spenden wurden von Mitarbeitern der NSV eingesammelt, wobei wohl der Blockwart mit einer Sammelbüchse von Tür zu Tür ging (daran kann ich mich jedoch für unser Haus bzw. unsere Straße nicht erinnern). Diese Idee fand in meiner Familie und in unserem Bekanntenkreis durchaus Zustimmung. Auch stand vor allem zu Beginn der Sammelaktionen
Propaganda Eintopfsonntag 1935
Propaganda für den
Eintopfsonntag (1935)
im Herbst eine Gulaschkanone mit Eintopf auf dem Marktplatz, von der wir wie viele andere Leute aus unserem Viertel einen Topf voll holten. Jedoch kehrten nicht nur wir schon bald zu unserem traditionellen Sonntagsbraten zurück, bei dem dann auch der obligatorische, insbesondere bei uns Kindern sehr beliebte Schokoladenpudding nicht mehr fehlen durfte (was ich vor allem daran ermessen kann, daß die Unterbrechung der Pudding-Kontinuität bei uns nur sehr kurz währte). Und inwieweit beim Eintopfsonntag das Prinzip der Freiwilligkeit galt, und ob vielleicht auch "Schnupperspione" eingesetzt wurden, die am Sonntag auf der Suche nach Bratendüften um die Häuser streiften, kann ich heute nicht mehr sagen.

Vierwöchiger Dienst im
Kindergarten (1941)
In den ersten Kriegsjahren wurde der Unterricht durch ergänzende Praktika unterbrochen, etwa im Herbst 1941 für mich im Kindergarten der NSV (Nationalsozialistische Volkswohlfahrt) in Belgard im Kleist-Retzow-Stift an der Luisenstraße und in den Sommerferien 1942 im Säuglingsheim der evangelischen Diakonissenanstalt "Salem" am Fuße des Gollen in Köslin, anschließend für einen längeren Kriegseinsatz von Ende August bis Anfang November gemeinsam mit meiner Klassenkameradin Magdalene Nest in einem Gutshaushalt bei der Familie von Altenbockum in Muttrin in der Nähe von Groß Tychow, wo wir vor allem in der Küche und im Garten halfen und die Hühner und Enten versorgten. Im Herrenhaus des Restgutes, wo wir in einem Zimmer im ersten Stock unsere Schlafgelegenheiten hatten, lebten noch Herr und Frau von Altenbockum (von den Bediensteten "Muttchen" und "Vatchen" genannt) mit ihrer ältesten Tochter, welche die Gutsgärtnerei führte. Die jüngere Tochter kam öfter am Wochenende aus Schivelbein zu Besuch, die Söhne standen als Soldaten an der Front. Außer uns Schülerinnen waren nur noch zwei Mädchen in der Küche und im Haushalt beschäftigt, die verbliebenen Landarbeiter wurden bei der Bewirtschaftung des Gutes von zwei französischen Kriegsgefangenen unterstützt. Auf einige Einzelheiten aus dieser Zeit in Muttrin kann ich mich auch heute noch genau besinnen, so etwa an die kräftezehrende Gartenarbeit, besonders an die Mühen mit der schwerbeladenen Schubkarre oder an die Hilfe für eine alte, gebrechliche Witwe eines Gutstagelöhners. Wir wurden damals von Frau von Altenbockum, die sich als Gutsherrin auch für die Hinterbliebenen ihrer Landarbeiter verantwortlich fühlte, zur Kate der alten Frau geschickt, um in deren Garten Kartoffeln auszumachen ("Kartoffeln racken"). Die alte Frau war für unsere Hilfe sehr dankbar und hatte uns, als wir verfroren und völlig durchnäßt unsere Arbeit beendet hatten, in ihrer Küche mit viel Liebe einen Pudding gekocht und mit heißer Ziegenmilch übergossen - für mich jedoch ein äußerst furchtbarer Geschmack, so daß ich das Ganze nur mit größter Überwindung hinunterwürgen konnte. 1942 konnte ich mir solche Vorbehalte noch erlauben, einige Jahre später, in den ersten, schlimmen Hungerjahren nach dem Kriege, hätte ich diese Ziegenmilch dagegen mit Heißhunger vertilgt. In Muttrin kam ich auch zum ersten Mal mit Kriegsgefangenen in Berührung: Mit zwei jüngeren Franzosen, die aus einem Lager täglich zur Arbeit auf das Gut der Familie von Altenbockum kamen und als Kriegsgefangene ihr Mittagessen, wie damals vorgeschrieben, nicht gemeinsam mit den Deutschen einnehmen durften, sondern im Gesindezimmer neben der Gutsküche verzehrten. Meine Klassenkameradin Leni oder ich brachten ihnen jeweils das Essen und versuchten manchmal, in unserem Schulfranzösisch einige Worte mit ihnen zu wechseln. Vor dem Erntedankfest schickte uns Frau von Altenbockum zum Pfarrer, um ihn beim Ausschmücken der Dorfkirche zu unterstützen. Wir waren schließlich recht stolz auf uns, als wir die Arbeit beendet hatten und den mit Blumen, Feld- und Gartenfrüchten geschmückten Altarraum vor uns sahen. Für meine Mitschülerinnen schloß sich in den Sommerferien 1943 ein weiteres Praktikum in Form eines mehrwöchigen Dienstes bei kinderreichen Familien in Belgard und Umgebung an, woran ich jedoch nicht teilnehmen konnte, da ich zu dieser Zeit krank war.

Dienst im Säuglingsheim der
Diakonissenanstalt in Köslin (1942)
Zu den Praktika während der Schulzeit kam der Kriegshilfsdienst, d.h. die für Frauen und Mädchen im Kriege obligatorischen Dienstverpflichtungen hinzu, so im Herbst 1943 ein Ernteeinsatz gemeinsam mit meiner Freundin Ellinor Gneist zur Kartoffelernte bei einem Ackerbürger in Belgard, der in der Friedrichstraße wohnte und seine Felder am Stadtrand hatte. Die Kartoffelreihen wurden mit dem Pferd aufgepflügt und wir lasen gemeinsam mit Familienangehörigen des Bauern die Kartoffeln auf. Das war eine ungewohnte Arbeit, die uns erschöpft und abgearbeitet nach Hause kommen ließ. Weil Ellinor, die als Fahrschülerin sonst täglich aus Groß Tychow mit der Bahn nach Belgard kam, während dieser Zeit bei uns übernachtete, konnten wir uns abends noch lange über den Tag und vieles andere unterhalten. Meine Mutter wunderte sich immer sehr, daß wir so ausgehungert bei ihr eintrafen. Auf Nachfragen mußten wir zugeben, daß wir keine warme Mahlzeit oder belegte Brote bekommen hatten, sondern nur Kornkaffee und ein paar kleine Hefegebäckstückchen. So schien es also zumindest meiner Familie noch besser zu gehen als diesem Bauern bzw. Belgarder Ackerbürger, denn meine Mutter konnte uns mit Quark- und Butterbroten mit der von Ellinor von zu Hause mitgebrachten Butter (ihr Vater war Leiter der Molkerei in Groß Tychow) verköstigen. Oder war es der Geiz unseres Arbeitgebers, der uns auf solch eine Diät gesetzt hatte? Eine nicht unerhebliche Rolle spielten während des Krieges auch an unserer Schule die verschiedenen Arten von Sammlungen, insbesondere Altmaterialsammlungen und das Sammeln von Herbstfrüchten. Wir konnten Papier, Metall und Spinnstoffe aus unserem eigenen Haushalt oder von Nachbarn und Freunden zu gewissen Zeiten in der Schule abliefern, wofür wir eine bestimmte Anzahl von Punkten angerechnet bekamen, die uns als Ansporn und so dem Wettbewerb der Schülerinnen untereinander dienen sollten. Besonders hoch war die Punktzahl für Nichteisenmetalle und Leichtmetall, und gerade damit konnte ich dienen. So nahm ich trotz des Protestes meiner Mutter mehrmals eine größere Menge fabrikneuer Stanniolkapseln, die bei uns im Keller lagerten und vor der Schließung unseres Geschäftes Ende 1940 als Verschlüsse beim Abfüllen von Wein in Flaschen benötigt wurden, mit in die Schule und freute mich über die so erreichten hohen Punktzahlen. Doch auch alte Zeitungen und anderes Papier, sowie Stoffreste und Wollfäden für die Reichs-Spinnstoff-Sammlung wurden hier gesammelt. Im Handarbeitsunterricht hoben wir sogar jeden kleinen Garnrest für diesen Zweck auf. Waldfrüchte wie Eicheln und Kastanien konnte man im Herbst ebenfalls zur Sammelstelle in der Schule bringen, wobei ein Teil davon den Förstereien in der Umgebung zur Fütterung des Wildes zur Verfügung gestellt wurde und die Bucheckern, die wir zum Beispiel auf einem Waldausflug mit unserer Klassenlehrerin Fräulein Büttner gesammelt hatten, vor allem zur Ölgewinnung dienten. Auf diese Weise verbanden sich auch unsere Schulausflüge mit den allgegenwärtigen Kriegshilfsdiensten, etwa wenn wir auf den Feldern eines nahegelegenen Gutsbetriebes bei der Flachsernte halfen. Zudem war unter dem Dach unseres Schulgebäudes eine Seidenraupenzucht angelegt (zur Gewinnung von Fallschirmseide), die verschiedene Schülerinnen unter Anleitung unserer Biologielehrerin Fräulein Albany betreuten. Ich denke, daß es dafür Freiwillige gab, die sich für diese Arbeit gemeldet hatten und die Raupen dann mit Maulbeerbaumblättern versorgten, die wohl auch in der Nähe angebaut wurden. Man hörte nur wenig davon, jedoch insbesondere in der Zeit vor den Ferien wurden Mädchen gesucht, welche die Pflege der Raupen während der unterrichtsfreien Zeit übernehmen konnten. So sollten selbst wir Schülerinnen zur Reduzierung und damit zur Überbrückung der kriegsbedingten Importschwierigkeiten, d.h. zur Stärkung der Autarkie Deutschlands, beitragen. Als im Rahmen der Woll- und Pelzsammlung für die Wehrmacht im Dezember 1941 bei uns an der Schule dafür geworben wurde, warme Bekleidung für den Winterkrieg zu spenden, drängte ich meine Mutter und Großmutter, auch ihre Pelzmäntel für unsere Soldaten an der Ostfront abzugeben. Da seit der kriegsbedingten Schließung unseres Geschäftes Ende 1940 das Büro der NSDAP-Ortsgruppe in den Bierstuben im Erdgeschoß unseres Hauses Marienstraße 15/16 eingerichtet war, wurden die Spenden zunächst im darunterliegenden Gewölbekeller gelagert, wo ich noch kurz nach Kriegsende zahlreiche Reste davon, die offenbar über die Jahre hier zurückgeblieben waren, in großen Haufen liegen sah, nachdem die Russen bei der Plünderung auch diese Kellerräume aufgebrochen und durchsucht hatten.

Lebensmittelkarte aus Belgard: "Reichseierkarte gültig ab 13. November 1944.
Die Einzelabschnitte haben erst nach Aufruf Gültigkeit. Beim Direktbezug vom
Erzeuger hat dieser den jeweils aufgerufenen Anmeldeabschnitt und die
dazugehörigen Einzelabschnitte abzutrennen und für den Ablieferungsnachweis
aufzubewahren." Anmeldeabschnitt A eingelöst bei "Franz Krüger,
Kolonialwaren - Feinkost, Wein- u. Bierstuben, Belgard / Pom."


Gedicht von Ingo Friedrich
So vergingen diese Schuljahre zu Beginn des Krieges für mich noch ziemlich unbeschwert. Über die Kriegslage machte ich mir kaum Gedanken, obgleich meine Mutter oft von ihrer Sorge um meinen Vater sprach: "Gott sei Dank ist er in diesem Krieg nicht mehr an der Front, aber passieren kann überall etwas." Auch in der Schule wurde natürlich über die militärische Lage gesprochen, und ich erinnere mich an eine Karte, auf welcher der Frontverlauf abgesteckt war. Wo diese Karte hing, ob in unserer Klasse oder im Flur des Schulgebäudes, kann ich heute nicht mehr sagen. Über all das machte ich mir damals keine Gedanken, denn in meiner Umgebung gaben sich die Menschen mir gegenüber optimistisch und schienen noch nichts Schlimmes zu befürchten. Im Unterricht steuerte nun alles auf das Abitur zu. Meine Phasen intensiveren Lernens wurden nach dem Einsatz bei der Kartoffelernte im Herbst 1943 durch eine Begegnung unterbrochen, die nicht nur mir neue Einblicke in die Wirklichkeit vermittelte und durch einen öffentlichen Vortrag am 29.10.1943 in der Aula unserer Schule ausgelöst wurde, wo sich unter den Zuhörern auch eine Gruppe junger Soldaten befand, die uns noch am selben Abend auf der Wandtafel unseres Klassenraumes folgenden Text hinterließ: "Acht Studenten aus dem Süden des Reiches grüßen ihre Kameradinnen. Si valetis, bene est, nos valemus." Daraus ergab sich ein Zusammentreffen von meinen Klassenkameradinnen Christel Ristow, Leni Nest, Hannelore Piper, Barbara Dumjahn, Gretel Carl und mir, die wir ebenfalls bei diesem Vortrag eines Greifswalder Professors zum Thema "Kriegseinsatz der Chemie und seine Folgen" gewesen waren, mit drei Österreichern, zwei Sachsen und einem Sudetendeutschen, die als Reserveoffiziersbewerber (ROB-Lehrgang 2./Heeres-Flakartlillerie Ersatz- und Aufklärungsabteilung 272) zur Ausbildung in der von-Scholtz-Kaserne am Schleeberg in der Kösliner Straße in Belgard untergebracht waren. Obwohl es zunächst bei den gemeinsamen Treffen der ganzen Gruppe bleiben sollte, fanden sich jedoch bereits nach kurzer Zeit einzelne Paare zusammen. Wir trafen uns mit den jungen Männern zu Stadtbesuchen oder Spaziergängen, meistens aber in unserer Wohnung in der Marienstraße 15/16 oder bei der Familie einer Klassenkameradin. Ich bewunderte meine Mutter, die auch in Anbetracht der bereits recht angespannten Ernährungslage selbst für zwölf Personen immer noch etwas zu Essen zauberte. So stiftete sie zu meinem 18. Geburtstag, der auch in diese Zeit zwischen Anfang November 1943 und den ersten Wochen des neuen Jahres fiel, die letzten eingemachten Früchte für eine Bowle (meiner Erinnerung nach handelte es sich dabei um Birnen aus Tante Ilse Schwerderskys Garten, also um eine doch recht ungewöhnliche Zusammenstellung). In diesem Freundeskreis begegnete ich meiner ersten großen Liebe, dem Österreicher Otto Hartmann aus Graz. Neben den Freundschaften, die nach der Verlegung der jungen Soldaten 1944 durch Briefwechsel fortgesetzt wurden, fand eine von uns Mädchen, Hannelore Piper aus der Poststraße, auf diese Weise ihren zukünftigen Ehemann Helmut Schumann. Als Arbeitsmaid kam sie 1945 bei Kriegsende zu seinen Eltern nach Grimma in Sachsen, beide heirateten bald nach seiner Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft. Fünf unserer Freunde kehrten aus dem Krieg nach Hause zurück, aber Ingo Friedrich, der junge Dichter aus Graz, fiel im Winter 1944 in Rußland. Das folgende Gedicht an seine Heimatstadt hat mir besonders gefallen:*

An Graz

Weit öffnet sich der Berge grüner Kranz
Um dich, o Stadt, wie bräutlich zu umfangen.
Des Heimgekehrten sehnendem Verlangen
Erschließt sich froh dein altvertrauter Glanz.

Und dein geheimer Zauber füllt mich ganz
Mit stillem Glück und ahnungsvollem Bangen.
Aus diesem Bild voll sonngetränktem Prangen
Grüßt deines Flusses Silberwellentanz!

Das Heimweh deckst du für ein Weilchen zu.
Mein Herz erfüllt nun selig milde Ruh',
da ich, geliebte Stadt, dich wiederseh!

Schon brandet da der Abschiedsschmerz empor.
Am Wanderstab steh ich vor deinem Tor
Und ziehe fort, das Herz voll bittrem Weh.



Verkündung der Ergebnisse
des schriftlichen Abiturs (1944)
Das Abitur, welches zu Friedenszeiten kurz vor Ostern stattfand, war 1944 auf die Monate Januar und Februar vorverlegt (es sollte die letzte Reifeprüfung an unserer Schule vor Kriegsende sein). Die schriftlichen Arbeiten, die bei uns in Deutsch, Mathematik und Englisch geschrieben wurden, waren für Januar angesetzt. Mein Urgroßvater Karl Fraedrich erlebte das noch mit und unterhielt sich danach mit mir über das Thema des Deutschaufsatzes (er starb kurz darauf am 24.1.1944). Die Ergebnisse wurden uns jedoch nicht gleich mitgeteilt; und am 9. Februar erfolgte dann die mündliche Prüfung. Dabei wurden nur Schülerinnen geprüft, die in einem oder mehreren Fächern schwach waren, so daß sie durch ein gutes Ergebnis ihre Gesamtnote verbessern konnten. Ich hatte in Deutsch den besten Aufsatz geschrieben - meine Mutter erfuhr das hinter vorgehaltener Hand von unserer Lehrerin Fräulein Ellmann, mit der sie gut bekannt war - und in Mathematik und Englisch wohl befriedigende Arbeiten abgeliefert, so daß ich nur in meinem Schwachpunkt, und das war Haushalts- bzw. Ernährungslehre, mündlich geprüft wurde. In welchen Fächern wir geprüft werden sollten erfuhren wir erst am Morgen des Prüfungstages und auch lediglich unter der Hand von Herrn Wodtke, dem alten Sekretär unseres Direktors Dr. Hermann Claus. Da ich als eine der letzten an der Reihe war, mußte ich lange warten und hatte dadurch noch Zeit, mich bei meinen Mitschülerinnen über Themen und Verlauf der Prüfung zu informieren. Dies half mir allerdings wenig, denn ich bekleckerte mich selbst bei den einfachsten Fragen nicht mit Ruhm. Meine Note in Hauswirtschaft blieb deshalb eine Vier, also nur ausreichend. Da die Abschlußkonferenz der Lehrer bis in den Abend hinein andauerte, hatten sich schon etliche Angehörige auf dem Schulhof versammelt (unter ihnen auch mein Vater, der gerade auf Urlaub war), die uns nach Bekanntgabe der bestandenen Prüfungen (es bestanden alle) wie in Belgard üblich in einem Zug durch die Stadt nach Hause begleiteten. Eine Abiturfeier im Ratskeller, von der ich nach dem Kriege von ehemaligen Klassenkameradinnen hörte, ist mir nicht mehr in Erinnerung. An die Feier bei uns zu Hause kann ich mich heute auch nicht mehr erinnern; vermutlich hat mein Vater Wein oder Sekt von den mittlerweile stark zusammengeschrumpften Vorräten aus unserem Keller geholt.

Bereits einige Wochen vor dem Abitur wurde unsere Klasse zur Untersuchung für den Reichsarbeitsdienst (RAD) ins Gesundheitsamt bestellt. Ich kannte die Räumlichkeiten dieser Behörde bereits, die zum Landratsamt gehörte und im Untergeschoß des Kreishauses ihre Räume hatte, denn meine Patentante Ilse Schwedersky, meiner Mutter engste Freundin, arbeitete dort als Fürsorgerin. Bei den Tauschgeschäften der letzten Kriegsjahre, durch die man hin und wieder Engpässe in der Versorgung mit den Waren des täglichen Bedarfs überbrücken konnte, hatte ich mehrmals Kontakt mit einigen ihrer jüngeren Kolleginnen. So tauschte ich dort die von einem Verwandten aus Italien mitgebrachten Schuhe (Pumps mit hohem Absatz) gegen ein paar solide flache Schürschuhe aus braunem Wildleder, in denen ich besser gehen konnte. Doch nun zum Geschehen am Tag der Untersuchung: Nach der Aufnahme unserer Personalien durchliefen meine Mitschülerinnen und ich im Gänsemarsch eine kurze Voruntersuchung und gelangten dann ins Zimmer des Amtsarztes, der unsere Körper in Augenschein nahm und nach einigen kurzen Fragen sein Urteil fällte. Ich weiß heute nicht mehr, ob wir das Ergebnis gleich erfuhren oder erst später mitgeteilt bekamen, jedenfalls erklärte er alle außer Gretel Carl, Marie Luise Beilfuß und mich für arbeitsdiensttauglich. Damit wurde ich als eine der ganz wenigen aus meiner Klasse nicht zum Reichsarbeitsdienst einberufen. Ich selbst freute mich über diese Freistellung jedoch überhaupt nicht, denn ich wäre lieber gemeinsam mit meinen Klassenschwestern zum Arbeitsdienst gegangen. Meine Klassenkameradinnen traten den Dienst bereits wenige Wochen nach der mündlichen Abiturprüfung an, wobei sie an verschiedenen Orten in Hinterpommern eingesetzt wurden, dabei wie damals üblich während der gesamten einjährigen Dienstzeit in Reichsarbeitsdienstlagern kaserniert waren und nur selten die Möglichkeit bekamen, am Wochenende nach Hause zu fahren.


Studium in Greifswald 1944

Mein Studentenausweis
(Sommersemester 1944)
Nach meiner Abiturprüfung Anfang 1944 beschloß der Familienrat (der damals nur noch aus meiner Mutter, Großmutter Frieda Alverdes und Urgroßvater Karl Fraedrich bestand), daß ich in Greifswald ein Studium beginnen solle, und zwar das der Zahnmedizin. Dieses Studium hatten mir im Jahr zuvor schon meine Mutter und mein Vater vorgeschlagen. Ich war davon keineswegs begeistert, wußte wenig über diesen Studiengang und hatte mich bisher auch um keine weiteren Informationen zu diesem Beruf bemüht. Zudem hatte ich meine Neigungen und Wünsche meinen Eltern nie offenbart, denn ich war mir sicher, daß meine eigenen Berufswünsche (z.B. Bibliothekarin) bei ihnen keine Zustimmung finden würden. So folgte ich also den Vorgaben des Familienrates und ging im April 1944 nach Greifswald, um dort an der Universität das Studium zum Beginn des Sommersemesters aufzunehmen. Da meine Mutter, die mich dorthin begleitete und währenddessen einige Tage bei Familie Lawin, unseren Greifswalder Verwandten von Seiten meiner Urgroßmutter Mathilde, wohnte, ebenso wenig wie ich über die nötige Erfahrung in Hinblick auf ein Hochschulstudium verfügte, war die Ankunft in Greifswald für mich ein Sprung ins kalte Wasser. Ich sehe mich noch heute in Begleitung meiner Mutter in der langen Warteschlange vor dem Uni-Sekretariat stehen, um mich für Zahnmedizin einzuschreiben. An eine Veranstaltungen zur Begrüßung bzw. Beratung der Erstsemester oder an eine Immatrikulationsfeier kann ich mich jedoch nicht erinnern. So gab es dann auch keine Hilfe oder Unterstützung von Seiten der Universität oder der Studentenschaft, wir bekamen lediglich ein Vorlesungsverzeichnis ausgehändigt und blieben danach uns selbst überlassen. Als meine Mutter nach einigen Tagen wieder nach Hause abgefahren war, fühlte ich mich doch sehr alleingelassen. Zudem stand mir meine große Schüchternheit bei den nötigen Erkundigungen sehr im Wege, und ich verstand es auch nicht, Kontakte zu anderen Zahnmedizin-Studenten zu knüpfen. So verbrachte ich meine Zeit einsam in den Vorlesungen sitzend, wobei ich besonders vor Physik und Chemie einen Horror hatte und mich vollkommen überfordert fühlte. Auch machten sich meine mangelhaften Lateinkenntnisse insbesondere in Anatomie recht unangenehm bemerkbar, worauf ich bei einer älteren Philologie-Studentin Lateinunterricht nahm und auf diese Weise versuchte, meine Defizite auszugleichen und an den in Belgard begonnenen Unterricht anzuknüpfen. Da an meiner Schule in Belgard das Fach Latein nicht auf dem Stundenplan stand, hatte ich lediglich im letzten Schuljahr bei einer alten Dame im Wichernhaus (einem Altersheim in Belgard) die Anfangsgründe dieser Sprache gelernt. Auch aus diesem Grund besuchte ich in Greifswald lieber Vorlesungen der Geisteswissenschaften als die Veranstaltungen zur Zahnmedizin, so versäumte ich etwa keine Veranstaltung der Vorlesungsreihe "Körper, Seele und Geist". In den geisteswissenschaftlichen Seminaren traf man nur sehr wenige Studierende, und bei der zuvor genannten Vorlesung in Philosophie kam es vor, daß außer mir nur noch drei weitere Zuhörer anwesend waren. Die gemeinsamen Vorlesungen und Übungen für Mediziner und Zahnmediziner dagegen waren sehr voll, überwiegend (bis zu 90 Prozent) Studentinnen und nur einige wenige junge Männer, d.h. hauptsächlich für das Studium beurlaubte Soldaten in Uniform oder schwer kriegsversehrte und bereits aus der Wehrmacht ausgeschiedene Männer. Meine Unterkunft war von einem Greifswalder Verwandten der Familie Lawin besorgt worden und bestand aus einem winzigen Zimmer mit einem Gaskocher auf dem Flur, auf dem ich mir die von zu Hause mitgebrachten Eier briet, denn ich ging nur sehr ungern und deshalb auch nur selten in die Mensa. In dieser Zeit war ich öfter bei dem jüngsten Bruder meiner Urgroßmutter Mathilde Fraedrich geb. Lawin, (Urgroß-) Onkel Ernst Lawin, einem pensionierten Konrektor, der mir viel von seiner Arbeit als Lehrer erzählte und mich manchmal auch mit Kartentricks (etwa "Bosco Beati weiß alles") beeindruckte, und dessen etwa neun Jahre alten Sohn Gerhard (aus zweiter Ehe) ich ab und zu beaufsichtigen mußte. Über das Wochenende fuhr ich regelmäßig nach Hause und kehrte am Sonntagnachmittag nur ungern nach Greifswald zurück, beladen mit Lebensmitteln aus den Vorräten meiner Mutter, die sie durch ihre guten Verbindung zu ehemaligen Kunden unseres Geschäftes aus der ländlichen Umgebung Belgards hatte anlegen können, und mit denen nun auch die
Auf dem Schloßberg in Graz (1944)
Familie von (Urgroß-) Onkel Ernst Lawin großzügig bedacht wurde. So vergingen die Monate des Sommersemesters 1944, lediglich unterbrochen von einer kurzen, etwa einwöchigen Reise nach Graz in der Steiermark. Dort, in seiner Heimatstadt, besuchte ich meinen Freund Otto, den ich im Herbst 1943 in unserem Freundeskreis in Belgard kennengelernt hatte. Als sich Anfang 1944 herausgestellt hatte, daß er "Halbjude" und damit für die Wehrmacht "nicht tragbar" war, war er aus dem Reserveoffiziersbewerber-Lehrgang in Belgard entlassen worden und nach Graz zurückgekehrt, wo er bei einer Sparkasse oder Versicherung arbeitete. Auf meiner langen Bahnfahrt durch Sachsen und die Tschechoslowakei nach Österreich erlebte ich die übervollen, aufgrund der allgegenwärtigen Tieffliegergefahr verdunkelten Züge, Fliegeralarm in Berlin und verschlossene Abteile auf der Transitstrecke durch die Tschechei. Aus heutiger Sicht erscheint es mir erstaunlich, daß ich noch im letzten Kriegsjahr ohne Schwierigkeiten eine Fahrkarte für eine derart weite Fernreise bekam. Meiner Mutter erzählte ich hinterher von einem mehrtätigen Ausflug mit Bekannten auf die Insel Rügen. Aufgrund meiner Erfahrungen mit den Fachinhalten und dem Unibetrieb kehrte ich nach Ende des ersten Semesters mit dem Entschluß nach Hause zurück, das Studium der Zahnmedizin auf keinen Fall fortzusetzen, wollte aber erst einen geeigneten Moment abwarten, um meiner Familie diese Absicht zu gestehen. Nachdem ich mit der Bahn in Belgard eingetroffen war entdeckte ich hocherfreut, daß mir meine Mutter ein kleines Zimmer in der Mansarde über unserer Küche eingerichtet hatte, wo bis vor kurzem noch unsere Hausangestellte Ilse Kruggel gewohnt hatte, die seit kurzem kriegsverpflichtet und deshalb in ihr Heimatdorf Naffin zurückgekehrt war, um nun für den Gutsbetrieb zu arbeiten, wo ihr Vater als Schweizer beschäftigt war. Meine Mutter hatte mir das Zimmer mit einem kleinen Sofa, einer gepolsterten Ofenbank und einem Schreibsekretär aus ihrer Jungmädchenzeit sehr behaglich eingerichtet, ergänzt durch die bereits vorhandene Möblierung wie etwa Bett, Schrank und Waschtisch. Hier hängte ich auch zwei gerahmte Photographien auf (Blick von einer Brücke über die Saalach zum Müllnerhorn und Blick über den Königssee mit Kloster Bartholomä und dem Watzmann im Hintergrund), die ich im Jahre 1943 während eines Urlaubes in Bad Reichenhall mit einer von meinem Vater geschenkten Agfa Billy aufgenommen hatte und bei Photo-Koehler in der Hindenburgstraße vergrößern ließ. In dieser neuen Umgebung genoß ich die wenigen Tage, die mir in diesem Sommer zu Hause noch bleiben sollten, vor allem lesend auf dem Sofa, oder ich saß im Abendlicht auf dem Fensterbrett und genoß den Blick über die Dächerlandschaft und die Wilhelmstraße in Richtung Polziner Straße und Wasserturm. Denn ich erhielt bereits kurze Zeit, nachdem ich im August 1944 nach Belgard zurückgekommen war, ein Telegramm vom Greifswalder NS-Studentenführer mit der Aufforderung, mich innerhalb von drei Tagen zum Schanzen am sogenannten Ostwall in Deutsch Krone einzufinden. Der Tenor des Telegrammes war, daß sich alle Greifswalder Studenten zu diesem "freiwilligen" Einsatz gemeldet hätten.*


Schanzen am Ostwall 1944

So fuhr ich dann im August 1944 zum Schanzen am Ostwall (“Pommernstellung“) mit der Bahn nach Deutsch Krone, einer etwa 80 Kilometer südöstlich von Belgard zwischen dem Schloßsee und dem Großen Radaunensee gelegenen pommerschen Kleinstadt. Hier wurden wir in Schulen untergebracht, es waren fast alles Studentinnen in meinem Alter und auch einige höhere Semester darunter. Aus den Klassenräumen hatte man die Schulbänke hinausgeräumt und diese als Schlafstätten für jeweils etwa zehn Personen hergerichtet, mit Strohlagern auf dem Boden, durch einen Mittelgang getrennt, sowie einem Tisch und drei bis vier Stühlen. Als wir vom Bahnhof aus in der Schule ankamen, bildeten sich unter uns Mädchen sogleich Grüppchen, die sich jeweils in einer Ecke niederließen und ihre Siebensachen am Kopfende ihrer Nachtlager ausbreiteten. Ich kam als Jüngste zu einer Dreiergruppe, die aus Inge, einer Medizinstudentin im zweiten Semester aus Küstrin, einer weiteren Medizinerin im ersten Semester, Hannelore von der Insel Usedom, und der Philologie-Studentin Charlotte aus Anklam, die bereits in einem höheren Semester studierte, bestand. Sie gab in unserer Gruppe den Ton an, wurde von uns anderen bewundert und wir folgten ihr. Sie erzählte uns von ihrem Freund, einem Kriegsberichterstatter, der ihr im letzten Urlaub erneut von der militärischen Situation an der Front und der tatsächlichen Kriegslage berichtet hatte. Hier hörte ich zum ersten Mal von der katastrophalen Lage und der Aussichtslosigkeit des Abwehrkampfes, obwohl ich damals den Eindruck hatte, daß man vor mir, dem "Kücken", nicht offen über alles sprach (vielleicht auch weil man mir nicht traute). In unserem Klassen- bzw. Schlafraum campierten noch vier oder fünf weitere Mädchen, alle älter als ich. Zwei von ihnen kamen aus dem Generalgouvernement und unterhielten sich ab und zu miteinander auf polnisch. Wir vier hielten uns etwas abseits von den anderen und hatten
Schanzen am Ostwall im Herbst 1944
in der Nähe von Deutsch Krone
wenig Kontakt zu ihnen, obwohl wir im gleichen Raum schliefen. Jeden Morgen gingen alle in der Schule untergebrachten Studentinnen geschlossen zum Bahnhof, von wo wir in Güterwagen zu unserem Einsatzort nordöstlich von Deutsch Krone gefahren wurden (ich kann mich hier nur noch an einen kleinen Bahnhof mit Namen Freudenfier erinnern). Es waren nicht immer die gleichen Stellen, an denen wir in Gruppen von etwa 20 Mädchen aussteigen mußten, oft hielt der Zug auch auf freier Strecke in unmittelbarer Nähe unseres Abschnittes. Das Mittagessen wurde uns aus einer Gulaschkanone (Feldküche) vor Ort geliefert, die Kaltverpflegung bekamen wir morgens und abends in unserer Unterkunft in Deutsch Krone. Es herrschte schönstes Sommerwetter, und ein herrlicher Herbst mit noch bis Ende Oktober ungewöhnlich warmen Tagen schloß sich an. In dieser Region war die Landschaft leicht gewellt und verhältnismäßig flach, d.h. eine typisch pommersche Endmoränenlandschaft mit Sandboden und ausgedehnten Nadelwäldern. Als Arbeitsgeräte bekamen wir hauptsächlich Spaten und Schaufeln, aber auch einzelne Spitzhacken. In den Wald waren bereits Schneisen geschlagen und das Holz abgefahren. An schwer zugänglichen Stellen, wo nach dem Fällen der Bäume noch starkes Wurzelwerk zurückgeblieben war, halfen uns einige Männer, welche für die entsprechenden Abschnitte zuständig waren. Bei Freudenfier war das ein vielleicht 17jähriger junger Mann, der wohl nicht dienstfähig war und ein älterer, kriegsversehrter Unteroffizier in Uniform. Sie kümmerten sich vor allem um das Anbringen von Faschinen, dem Zweig- und Reisiggeflecht zur Befestigung und zum Abstützen der von uns im sandigen Boden ausgehobenen Laufgräben. Im Verlauf der Schützengräben wurden in bestimmten Abständen Erweiterungen angelegt, die der Aufnahme von Maschinengewehrstellungen dienen sollten. Wir alle hatten den Eindruck, daß unsere Arbeit aufgrund des Sandbodens weitgehend zwecklos sei, denn oft sahen wir bereits am nächsten Tag den Sand wieder in die von uns kurz zuvor ausgehobenen Gräben zurückrieseln. Von Frauen, die aus den verschiedensten Orten Pommerns zum Schanzeinsatz an Panzergräben herangezogen worden waren, die zwar nicht direkt in unserem Abschnitt, aber doch in der näheren Umgebung lagen, hörten wir von dieser im Vergleich zu unserem Dienst sehr viel härteren Arbeit. Innerhalb unserer Gruppe wurde wenig über das gesprochen, was nun wohl kommen würde. Jeder tat seine Arbeit so gut er konnte und ohne sich zu überanstrengen; an Aufsichtspersonen oder Vorgesetzte, die uns zur Arbeit antrieben, kann ich mich nicht erinnern. In den Arbeitspausen genossen wir das ungewöhnlich schöne Spätherbstwetter, und zu Beginn des Schanzeinsatzes arbeiteten wir manchen Tag sogar im Badeanzug. Abends verließen wir mit unserer Kaltverpflegung die Schule und suchten uns ein schönes Plätzchen zum Essen am Großen Radaunensee, dem Stadtsee von Deutsch Krone. Einmal hatte Charlotte von einem Hotel in der Stadt gehört, in dem es noch in gepflegter Atmosphäre und ohne die im Kriege allgegenwärtigen Lebensmittelmarken Krebse aus den umliegenden Seen zu essen gab. Also versuchten wir, uns so gut es ging "landfein" zu machen und besuchten dieses Restaurant. Außer uns waren hier noch einige Offiziere - vielleicht auf Heimaturlaub - mit ihren Frauen oder Freundinnen anwesend. Wir schauten uns bei ihnen unauffällig ab, wie man mit den Krebsbestecken umzugehen hatte und lachten auf dem Rückweg noch lange über unsere ungelenken Versuche, die harten Schalen der Tiere zu knacken, um an das zarte Fleisch zu gelangen (ich kannte Krebse bereits von zu Hause als seltene Leckerbissen, aber meine Mutter hatte zum Krebsessen immer nur gewöhnliche Bestecke und kleine Küchenmesser aufgelegt). An einem weiteren dieser lauen Herbstabende - es muß wohl ein Montag gewesen sein - begaben wir uns wieder an die gewohnte idyllische Uferstelle am Stadtsee; dieses Mal jedoch ohne die übliche Kaltverpflegung, stattdessen beladen mit zahlreichen für das letzte Kriegsjahr ungewöhnlichen Köstlichkeiten. Auf der mitgebrachten Decke lagerten wir uns um diese Kulinarien, die wir von unserer letzten sonntäglichen Heimfahrt mitgebracht hatten. Ich erinnere mich hier noch an eine salamiähnliche Kriegswurst, ein Glas Preiselbeeren und an eine Flasche Wein; und als Krönung an eine von Inge mitgebrachte echte Buttercremetorte, denn der Gutshaushalt in Küstrin verfügte offenbar selbst 1944 noch über die dazu erforderlichen Zutaten. Bei dem Wein handelte es sich um eine Flasche "Eltviller Klümbchen" aus den Restbeständen unseres 1940 geschlossenen Geschäftes, was mir wegen des zumindest für hinterpommersche Verhältnisse recht eigenartigen Namens bis heute im Gedächtnis geblieben ist. Wegen seiner starken Säure genossen wir diesen ausgesprochen trockenen Wein dann mit hineingerührten Preiselbeeren. Wie uns diese doch recht gewagte Melange bekam, weiß ich heute nicht mehr, also wird sie in unseren jugendlichen Mägen wohl keinen allzugroßen Schaden angerichtet haben - als ich später meiner Mutter davon erzählte, war sie jedoch zu Recht entsetzte (und als ich dann Ende der fünfziger Jahre als Lehrerin an eine Schule im Rheingau versetzt wurde, erfuhr ich von Eltern meiner Schüler, daß die Lage "Eltviller Klümbchen" zu den Rebflächen des Landgräflich Hessischen Weingutes gehört). So habe ich diese Zeit während des Schanzens am Ostwall weder als besonders bedrohlich empfunden noch mit Ängsten oder unguten Ahnungen in Hinblick auf die nahende Katastrophe erlebt, wobei mich unsere Gruppe als Jüngste wohl auch nicht in alle Gespräche über die tatsächliche Kriegslage und das drohende Kriegsende einbezog. Am Sonnabendnachmittag konnte ich manchmal nach Belgard nach Hause fahren, ebenso wie meine Kameradin Inge nach Küstrin. Sie lud uns alle drei auch einmal in ihr Elternhaus, ein Stadtgut von Küstrin, ein. Dieser Besuch in der Stadt an der Oder unterbrach die Eintönigkeit der Sonntage in Deutsch Krone auf sehr angenehme Weise. Vielleicht Ende Oktober erhielt ich einige Tage Urlaub für eine Fahrt nach Belgard, weil meine Mutter eine Bescheinigung geschickt hatte, daß mein Vater auf Heimaturlaub kommt. Ich war sehr froh, meinen Vater wiederzusehen, aber noch mehr zog es mich nach Graz zu meinem Freund Otto, dem ich erst kurz zuvor einen Brief geschrieben hatte - auf dem weißen Bast einer Birke, den ich von der Rinde eines Baumes abzog, der am Weg von der Bahnlinie zu den von uns ausgehobenen Stellungen stand (so wie ich es erstmals bei den österreichischen Soldaten aus unserem Freundeskreis im Winters 1943/44 gesehen hatte). Ich kürzte also die Tage des Wiedersehens mit meinem Vater etwas ab und fuhr ein zweites Mal mit der Bahn in die Steiermark, wo ich meinen Freund in Graz allerdings nicht antraf, da dieser, wie mir seine Mutter erzählte, überraschend zu einem Schanzeinsatz an der Südfront verpflichtet worden war. Nach dieser für mich sehr enttäuschenden Auskunft fuhr ich ohne Schlaf bzw. Übernachtung direkt wieder nach Pommern zurück - wobei man diese anstrengende mehrtägige Reise unter Kriegsbedingungen, dieselbe wie im Sommer von Greifswald aus, wohl auch nur aufgrund seines jugendlichen Alters auf sich nehmen bzw. verkraften konnte. Nach meiner Rückkehr nach Deutsch Krone ging dieser ausgesprochen schöne und ungewöhnlich warme Herbst des Jahres 1944 dann allmählich zu Ende und die Schanzarbeit aufgrund des Nachlassens der milden Witterung nun recht unangenehm weiter. Wir hatten uns zwar alle von den Sonntagsbesuchen zu Hause warme Winterbekleidung mitgebracht, aber das schlechte Wetter ließ uns nicht nur frieren, sondern legte sich auch wie ein Reif auf unsere Stimmung. Wir waren in unserer Gruppe jetzt auch nur noch zu dritt, denn Hannelore wurde mittels eines Attestes von ihrem Vater, der auf Usedom Arzt war, nach Hause entlassen. Die Arbeit wurde immer schwieriger und mühseliger, so daß es nun erheblich langsamer voran ging und wir schließlich Anfang Dezember 1944 in unsere Heimatorte entlassen wurden.
Eleonore Gürge geb. Maaß
Maikäfer flieg
Dein Vater ist im Krieg
Die Mutter ist in Pommerland
Pommerland ist abgebrannt
Maikäfer flieg
=> zu den Erinnerungen Teil 2 - ab 1945